18.08.2010

Die Fantastischen Vier (½)

Thomas D. & Smudo, »Uelzen Open Air«
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11.08.2010

Im übrigen

... ist die zuvor erwähnte Kapelle nicht nur ballsicher, sondern auch erfrischend dreist. Oder sie haben haben ein Gespür für subtile Rache. Auf ihrer MySpace-Seite finden sich natürlich die obligatorischen Pressestimmen, darunter auch ein Zitat aus dem Guardian:

raw and honest and true... Watch out. Young Rebel Set are coming

Das ist sehr lustig, wenn man weiß, daß der vollständige Absatz so geht ...

His voice is so raw and honest and true he makes Billy Bragg sound like some Auto-Tuned R&B robo-boy. On Borders the band revisit Springsteen's early catalogue, and strive for heroic glory on this song about hard knocks and faith regained, but they sound like a Scout Hut troupe pretending to be Dire Straits. [...] – we could go on listing their attempts to capture the essence of their favourite artists and albums in words and music, but really we just need to say: Watch out. Young Rebel Set are coming.

... und in folgendes Fazit mündet:

The truth: We can't like every band, every day. And we really don't like this one.

Ein gut umgesetzter Fall von »weniger ist mehr«.


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10.08.2010

Ein bißchen ernst muß sein

Freitagnachmittag, Hamburger Schanzenpark


»Get back!« Der englische Torhüter brüllt, als ginge es um den FA Cup. Er brüllt schon die ganze Zeit. Keine Spielsituation bleibt unkommentiert, lautstark lobt er gute Aktionen seiner Mitspieler, warnt vor dem nahenden Gegner, manchmal passiert auch gar nichts, dann ruft er »Come on!« oder mahnt an, den Ball am Boden zu halten und flach zu spielen. Er wird keinen groben Schnitzer machen heute, das kann man nicht von jedem Engländer im Tor behaupten, er wird seiner Mannschaft heute sogar den Sieg retten. Dabei ist er eigentlich gar kein Torhüter. Er heißt Andy Parmley und ist Gitarrist der englischen Band Young Rebel Set, die heute ihre Debüt-LP in Deutschland veröffentlicht und zur Feier des Tages gegen ihr deutsches Label Grand Hotel van Cleef (GHvC) den Klassiker Deutschland gegen England nachspielt.

»Das war so 'ne Daffke-Idee, wie man sie halt manchmal hat«, sagt Thees Uhlmann, Tomte-Sänger, GHvC-Mitbegründer und heute die deutsche Zehn. Weil man halt gerne Fußball spielt. Und weil man sich nach der Musik ohnehin gleich über Fußball unterhalten hat, damals, als er Ende 2009 nach England flog, um die Rebels für den deutschen Markt unter Vertrag zu nehmen, keine drei Wochen, nachdem er erstmals von ihnen gehört hatte. Daß sie immerhin zu siebt sind und heute nachmittag nur minimal ergänzt werden müssen, kam der Idee wohl auch zugute; mit den White Stripes würde man sich vielleicht eher zu einem anderen Sport verabreden. Was so großartig an diesen Sieben sei, daß er damals gleich dort und sie nun hier seien? Die »simpel originäre Musik«, sagt Uhlmann, und »daß sie in der großen englische Tradition mit Songs Geschichten erzählen.«

Auf dem Platz gehen sie in einer anderen großen Insel-Tradition »auch englische-Härte-mäßig in die Vollen« (Halbzeit-Analyse Uhlmann), überraschen daneben aber mit technischen Fähigkeiten und sind für eine Band, die man vor etwa zwei Stunden aus dem Bett geklingelt hat, verblüffend laufbereit. Und nach einem sehenswerten Angriff über die rechte Seite gehen sie in Führung. Irgendwie landet der Ball vor dem links nachrückenden Engländer, er verwandelt energisch.

Es ist Matty Chipchase, Frontmann, Songwriter, Kopf der Band, und auch auf dem Platz also vorn dabei, wenn auch nicht ganz der Spielführer, der er innerhalb der Band ist und wohl auch sein muß, wenn man sich mit sechs anderen auf eine Melodie oder einen Text oder ein Arrangement einigen soll. Wie das geht? »Ich schreibe die Songs und sage, wie sie gespielt werden, kein Problem.« Vielleicht weiß er ein kleines bißchen besser, wo vorne ist, als einziger der Sieben ist er Anhänger von Newcastle United, sonst sind sie alle Middlesbrough-Fans, das ist die nächste größere Stadt neben ihrem Heimatort Stockton-on-Tees.

Matty Chipchase
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Sie mögen seine Songs, offensichtlich, seine Statur macht ihn nicht zum Chef, er ist bei weitem der schmächtigste der sieben Rebellen und der einzige, bei dem der Aufdruck ihres Trikots »Birth, School, Stadium, Death« nicht wie die natürliche Biographie anmutet. Ohne seine schmalen Karotten-Jeans, Lederjacke und sein Sonnenbrille, die aussieht wie ein Geschenk von Götz Alsmann, wirkt er im Trikot eher wie ein Literaturstudent, der auch mitspielen darf. Aber mit dem Ball umgehen kann er, sie alle machen keine schlechte Figur. Ob sie viel Fußball spielen in ihrer Freizeit? »Wir trinken viel.« Spaß haben wollen sie, die Dinge geschehen lassen, das gilt auch für ihren heute eingeläuteten musikalischen Deutschland-Start, mal sehen, was kommt, »whatever will be will be.«

Ein Hauch von Barcelona

Ein weiteres Tor fällt, wieder für den Gastgeber, inzwischen steht es 2:1 für die Deutschen. Zurückgekämpft, Spiel gedreht, alles im Lot, wie immer bei wichtigen Spielen gegen England. Doch die Aufholjagd fordert ihren Tribut. »Halbzeit!«, fleht ein sichtlich pumpender Uhlmann in Richtung Schiedsrichter. Um seine Mitspieler ist es nicht ganz so schlimm bestellt. Es ist eine Art Betriebsmannschaft des Labels um Uhlmann und die Kettcar-Musiker Marcus Wiebusch und Reimer Burstorff, der Ex-Praktikant ist auch dabei und ein Azubi, dazu ein paar Freunde. Sie alle können die ganz kleine Revanche für Bloemfontein indes nicht verhindern.

Stattdessen weht ein ganz kleiner Hauchs von Barcelona 1999 über den Kleinfeldkunstrasen des Polizeisportvereins, als kurz vor der Halbzeit eine Ecke der Engländer nach, sagen wir, nicht ganz optimal geglückter Torwartaktion auch noch per Eigentor zum 2:2-Ausgleich führt, den diesmal auch der Schiedsrichter nicht übersieht. Wiebusch wird den Treffer noch eine halbe Stunde nach Abpfiff nicht ganz verwunden haben und als »demoralisierenden« Tiefpunkt es Spiels deuten.

Aber er wird sich auch erfreut darüber zeigen, daß »fußballerisch was ging«, und sich die Engländer nicht als Bolzbanausen entpuppt haben, so genau gewußt hätte man das ja nicht. Sie sind alles andere als das; hinzu kommt in der zweiten Hälfte offenbar eine leichte konditionelle Überlegenheit, zeitweise beherrschen sie das Spiel, sogar vereinzelte Doppelpässe werden gesichtet, und als sie 3:2 in Führung gehen, ist es ein Tor, das Tom Bartels »logisch« nennen würde.

Gerackert haben sie jedenfalls dafür, sie nehmen das Spiel ernst, wie sie überhaupt bei allem Spaß ihre Ambitionen nicht vergessen. Es steckt eine Art unangestrengter Ehrgeiz in ihrem Auftreten, hier auf dem Platz und daneben, und nichts verdeutlicht das besser als die Anwesenheit von Dave Coombe. Er spielt Mundharmonika in der Band, nicht auch, sondern nur, er ist kein Virtuose am Gerät, aber auch kein »Gadget« (Uhlmann), sondern spielt »das halt in totaler Ernsthaftigkeit«, was dem Spaß keinen Abbruch tut, vielleicht gerade deshalb nicht.

Weil sich das nicht ausschließt, kann auch Matty Chipchase über die Bezeichnung als Musiker lachen – man beherrsche ja nicht einmal die Instrumente und wolle einfach Spaß auf der Bühne haben – und trotzdem von »fünf großartigen Alben« in den nächsten Jahren träumen und davon, eine Spur zu hinterlassen als Band. Und deshalb können sie sich einen Riesenspaß daraus machen, das kleine Spiel ernst zu nehmen.

Die Partie ist fast aus, es läuft die vehemente Schlußoffensive der Deutschen, allein fünf Mal kracht der Ball ans Aluminium, zwischendurch setzt Wiebusch noch einen knapp drüber. Nichts davon kann Torwart Parmley erschüttern, bei jedem Ball, der neben ihm an den Pfosten knallt oder knapp vorbeigeht, hebt er so selbstverständlich die Hände zur Entwarnung, als hätte er das schon beim Schuß gesehen, die letzte deutsche Chance vereitelt er reaktionsstark. Abpfiff. Ein zünftiger Jubelschrei von den Engländern, Applaus von den Zuschauern.

Am Ende strahlen alle. Die Engländer, weil sie gewonnen haben, die Deutschen, weil sie Spaß hatten, und Thees Uhlmann wahrscheinlich auch, weil es vorbei ist. Gleich ist dritte Halbzeit, oben, auf dem Dach des Hamburger Medienbunkers. Dann geht der Spaß auf der Bühne weiter.


(Ein bißchen mehr Worte und ein bißchen weniger Patzer als in der »11 Freunde«-Version.)


Nachtrag 11. August: Viele, viele Bilder vom Geschehen sowie ein paar Sachinformationen, die hier verschwiegen wurden, findet man bei Doreen Reichmann.


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24.05.2010

netzwort-Leser wissen mehr

3 Never use a verb other than "said" to carry dialogue. The line of dialogue belongs to the character; the verb is the writer sticking his nose in. But "said" is far less intrusive than "grumbled", "gasped", "cautioned", "lied". I once noticed Mary McCarthy ending a line of dialogue with "she asseverated" and had to stop reading and go to the dictionary.
(Elmore Leonard)


Erklären verkünden meinen behaupten Sagen wir doch!


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21.05.2010

Der kleine Nacherzähler (2)

Das Pinocchio-Paradox

Eine offenbar aus Holz geschnitzte Jungengestalt sitzt fröhlich am Boden, kurze Hose, Fliege, Hut, erhebt den Zeigefinger und sagt sehr entschieden: »My nose will grow now!«


Ursprung und erste Folge »


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13.05.2010

Das automatische Buch

Was haben Schokoriegel, getragene Mädchenunterwäsche und Bücher gemeinsam? Diese Dinge gibt es am Automaten. Die Riegel überall, die Unterwäsche in Tokio, die Bücher neuerdings in Hamburg, gleich neben dem Abaton.

Hamburger Automatenverlag

Wie früher, nur ohne Goethe: Bücher aus dem Automaten vom Hamburger Automatenverlag

Der Hamburger Automatenverlag reanimiert das alte Reclam-Konzept des Literaturvertriebs und steckt Bücher in ausrangierte Zigarettenautomaten, damit man sie dort für vier Euro wieder herausholen kann. Allerdings nicht Lessing und Camus, sondern einen »Stadtführer für erwachsene, berufstätige Frauen«. Und einen Hamburg-Krimi. Und Gedichte und ein Kinder-Kochbuch und einen Fotoband.

All das soll auf dem Automatenweg »Menschen erreichen, für die der Weg in die Buchhandlung nicht selbstverständlich ist.« Natürlich könnte man sagen, daß es auf genau diese Menschen auch hinauslaufen wird, da alle anderen nämlich wissen, daß es in der Buchhandlung deutlich mehr als zehn Bücher gibt, die auch noch deutlich größer sind und deutlich weniger Geld kosten, zum Beispiel einhundertfünfzig Meter und zwei Ecken weiter, in der Grindelallee, wo man sich für vier Euro aus der Grabbelkiste das gesamte Weltwissen erwerben kann, jedenfalls beinahe.

Sagt man aber nicht. Sondern freut sich über die schöne Idee. Und lieber Automaten mit Stadtführern für erwachsene, berufstätige Frauen als Automaten mit Unterhosen längst nicht erwachsener, schulpflichtiger Mädchen.


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24.04.2010

Der kleine Nacherzähler (1)

Kürzlich verglich jemand eine Alltagssituation mit einem »Nichtlustig«-Cartoon. Nur daß der Cartoon gerade nicht zur Hand war. Aber er ging wohl ungefähr so:

Ein Clown-Rumpf hockt/liegt/lehnt (?) mit abgehackten Beinen und Armen, aber leicht verschmitztem Gesicht in der Ecke und darunter steht: Clown Beppo musste doch ein wenig schmunzeln, als ihm die Unsinnigkeit seiner Tat bewusst wurde.

Ist doch schön. Anlaß und Motivation genug, das totgeglaubte Genre des nacherzählten Bildwitzes in loser Folge wiederaufleben zu lassen. Zum Auftakt eine Doppelfolge:

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Zwei Männer befinden sich in einem großen Raum, zwischen ihnen liegt eine Art Kubus, etwa von der Größe eines Umzugskartons. Der eine der beiden Männer schaut selbstgefällig und sagt lächelnd: »Ich sehe was, was Du nicht siehst, und das ist Kunst. Haha!«1

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Ein Bild des vom Feuer leicht versehrten Autos von Kai Diekmann, das von Unbekannten am 22. Mai 2007 angezündet wurde; Löschschaum klebt überall an der Karosse, Motorhaube, Türen und Heckklappe stehen offen. Auf dem Foto die Schlagzeile: »TÜV Hamburg warnt: EXPLOSIONSGEFAHR BEI PENISPUMPEN!«2


1) Ahoi Polloi
2) Titanic


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10.04.2010

Die Rechte der Anderen

... wenn die Anderen von der Rechten sind.

Wikileaks bereitet gerade die Veröffentlichung von rund 37.000 NPD-Mails vor, darunter vermutlich auch allerlei Privatkorrespondenz. In einem »Spreeblick«-Text dazu wird die These vertreten, daß die Geringschätzung von Datenschutzfragen, sobald es Rechtsradikale betrifft, ein Grund ist, »sich Sorgen zu machen«.

Das auch. Vor allem ist es ein Grund, mal auf die Doofheit der hämenden Gedanken hinzuweisen und darauf, daß sich die Billigung und Rechtfertigung solcher Vorgänge ziemlich rasch selbst widerlegen. Das sieht nicht jeder so (alle folgenden Zitate sind Leserkommentare des verlinkten Artikels):

Bullshit! Keine demokratische Repräsentation für Demokratiefeinde

Doch, auch und gerade für Demokratiefeinde. Alles andere ist Schönwetterdemokratie. Freiheitsrechte für Gegner der Freiheit zu gewährleisten, ist nicht paradox. Es ist souverän.

Das ist das eine. Abgrenzung ist das andere. Wer sich für besser als andere hält, sollte sich nicht genauso schlecht benehmen.

Zudem: warum sollten die bürgerlichen, demokratischen Rechte für die Menschen geben, die diese anderen absprechen und teilweise komplett abschaffen wollen?

Weil wir uns dadurch von ihnen unterscheiden.

ich möchte einfach nicht, das jemand, der sich damit einverstanden erklärt, ganze volksgruppen auszulöschen oder zu versklaven, weil sie genetisch minderbemittelt, arschlöcher, ungläubige, gutbestückte oder weltherrscher sind, mit den selben privatrechten ausgestattet ist, wie ich.

Mit anderen Worten: Weil andere Menschen bestimmten Gruppen grundlegende Rechte vorenthalten (wollen), sollen ihnen grundlegende Rechte vorenthalten werden. Weil es sehr schlimm ist, was andere tun, tut man es auch? (Was in diesem und ähnlichen Fällen nicht gerade unproblematischer dadurch wird, daß Demokraten anderen Leuten demokratische Rechte vorenthalten möchten, weil diese das ihrerseits so praktizieren würden. Das »Minority Report«-Problem.)

Wie Du mir, so ich Dir. Das ist genau das Prinzip, das die Welt in die Scheiße reitet. Auge um Auge, bis keiner mehr weiß, was mit dem ersten Auge genau passiert war und Menschen sich wechselseitig in den Arsch treten, ohne noch zu wissen, warum eigentlich.

Bei den Nazis wissen die meisten ziemlich genau, warum sie sie verachten. Das könnte ganz hilfreich sein bei der Einschätzung, was man selber propagiert. Und was nicht.

Die Rechte der Anderen sind oft auch die eigenen.


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16.03.2008

Konträr gesagt. Abgrenzungen für Angeber II

Nicht sehr viele Menschen fragen sich: Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Oxymoron, Paradoxon und Contradictio in adjecto? Diesen Neugierigen aber sagen wir: Das ist ganz leicht; in gewisser Hinsicht gibt es gar keinen. Da aber unterschiedliche Wörter stets – in welchem Grade auch immer – etwas unterschiedliches bedeuten, schauen wir natürlich genauer hin.

Bei allen dreien haben wir es in irgendeiner Form mit (sprachlich) Widersprüchlichem zu tun und möchten nun sehen, inwiefern eigentlich.

Oxymoron: Ein Oxymoron bezeichnet eine Kombination von gegensätzlichen Begriffen, wie man sie etwa vom Chinesen an der Ecke kennt: Süßsauer. Oder – was nicht mal beim Chinesen vorkommt –: eckiger Kreis. Beides sind Oxymora, woraus wir ersehen, daß es nur auf den Widerspruch ankommt, nicht darauf, wie er grammatikalisch gebildet wird; ob als (begrifflich) widersprechende nähere Beschreibung, ob als Zusammensetzung. Geliebter Feind? Oxymoron. Haßliebe? Oxymoron.

Kenner des hellenischen Zungenschlags werden dabei längst bemerkt haben, daß das Oxymoron selbst genau das ist, was es bezeichnet. Es leitet sich ab von den griechischen Wörtern »oxys« und »moros«, die gegensätzlicher nicht sein könnten: »Oxys« bedeutet scharf(sinnig), »moros« soviel wie dumm.

Diese Wesensgleichheit von Bezeichnung mit Bezeichnetem weist uns darauf hin, daß sich da Methode verbirgt. Eine bewußt gewählte Bezeichnung für ein bewußt eingesetztes Stilmittel. Der Autor oder Redner denkt sich was dabei. Nicht immer mag gleich deutlich werden, was genau; aber was immer es ist: Erst die Intention macht hier das Stilmittel.

Ein Widerspruch, der vom Vortragenden nicht beabsichtigt war, ist kein Oxymoron, sondern einfach ein Widerspruch. Ganz strenggenommen kann man daher als Rezipient immer nur mehr oder weniger begründet vermuten, ein Oxymoron vor sich zu haben.

Contradictio in adjecto: Die Contradictio in adjecto ist genau das, was ihr Name auch dem Lateinlaien bereits verrät: ein beigefügter Widerspruch; einem Hauptwort wird eine gegensätzliche Variante dessen zugesellt, was auch normale Menschen ein Adjektiv nennen. Beim echten Kunstleder zum Beispiel, beim geliebten Feind, beim alten Kind oder beim sympathischen Juristen.

Da der Name des Phänomens die Form beschreibt, kommt es hier sehr wohl auf selbige an, und mit ihr ist die Contradictio in adjecto gewissermaßen das Gegenteil des Pleonasmus, der – sozusagen – Dopplung in adjecto.

Das Beispiel des geliebten Feindes, das auch schon als Oxymoron vorgestellt wurde, zeigt, daß die Contradictio in adjecto sich nicht vom Oxymoron abgrenzt, sondern eine spezielle Form dessen ist. Die mit der Beifügung gebildete nämlich. Mengenmäßig gesprochen: Eine Contradictio in adjecto ist immer ein Oxymoron, ein Oxymoron aber nicht in jedem Fall eine Contradictio in adjecto (siehe oben).

Ein Unterschied zwischen beiden besteht jedoch in der Intention. Während für das Oxymoron der Vorsatz entscheidend ist, ist eine Contradictio in adjecto auch dann eine, wenn der Schöpfer sie gar nicht bemerkt. Hier zählt nur das Ergebnis.

Paradoxon: Auch ein Paradoxon ist ein Widerspruch. Für Weiteres kommt es hier darauf an, in welchem Sinne und vor allem welchem Zusammenhang man davon spricht. Was bedeutet es denn wörtlich? Wir fragen wieder unsere griechischen Freunde und erfahren: »para« = gegen, »doxa« = Meinung oder Sichtweise. Das kann einiges heißen. Zumeist hören und gebrauchen wir das Wort als Bezeichnung eines unauflösbaren (Selbst-)Widerspruchs innerhalb einer Aussage. Klassiker: Ein Kreter behauptet, daß alle Kreter lügen. Wenn er die Wahrheit sagt, lügt er; spricht er eine Lüge, sagt er die Wahrheit. Paradox, das.

In unserem sprachlichen Rahmen hier, abgesteckt von rhetorischen und stilistischen Figuren, bezeichnet ein Paradox jedoch auch und vor allem einen nur scheinbaren Widerspruch, der zum Nachsinnen anregen soll und optimalerweise durch die Auflösung zu einer tieferen Einsicht führt. Oder wie der Duden erklärt: eine »scheinbar falsche Aussage (oft in Form einer Sentenz oder eines Aphorismus), die aber bei genauerer Analyse auf eine höhere Wahrheit hinweist«.

Wir bleiben bei den Klassikern: Weniger ist mehr. Genauere Analyse dieser scheinbaren Widersprüchlichkeit verhilft uns nun zu der Erkenntnis, daß es bisweilen dem Gesamtergebnis dienlich ist, zwischendurch nicht zu überreizen. Gar nicht so doof. Auch gar nicht widersprüchlich, so gesehen; die scheinbare Gegensätzlichkeit liegt in der Verkürzung des Gedankens und dem daraus folgenden Nebeneinander eines Weniger von irgendetwas und einem Mehr von etwas ganz anderem.

Rein sprachlich hingegen ist der Widerspruch tatsächlich einer; weniger ist weniger und nicht mehr. Das hilft uns vielleicht bei der Frage, die uns ursprünglich bewegte: Wo liegt denn der Unterschied zum Oxymoron? Darin, daß es beim Paradoxon nicht um einzelne, in sich widersprüchliche Begriffe, sondern um eine in sich (scheinbar) widersprüchliche Aussage geht. Beiden eigen ist die Intention; das Paradoxon ist gleichsam ein inhaltliches Oxymoron.

Wir fassen zusammen:
Oxymoron = bewußte Kombination widersprüchlicher Begriffe als Stilmittel; Vorsatz und Ergebnis kennzeichnen hier den gelungenen Gegensatz

Contradictio in adjecto = Beigabe eines Wortes, das zu dem Hauptwort im Widerspruch steht; spezielle Variante des Oxymorons, für die Form und Ergebnis entscheidend sind, nicht die Genese

Paradoxon (in rhetorischen Zusammenhängen) = (Schein-)Widerspruch, der in der Auflösung eine bereichernde Erkenntnis bereithält; nicht einen widersprüchlichen Begriff sehen wir hier, sondern eine widersprüchliche Aussage


Auch interessant:
Doppelt gesagt. Abgrenzungen für Angeber »
Weniger und mehr »
Sehen und nehmen »


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20.05.2006

Doppelt gesagt. Abgrenzungen für Angeber

Viele fragen sich: Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Tautologie, Pleonasmus und Hendiadyoin? Das ist ganz leicht: »Hendiadyoin« ist schwerer auszusprechen als die anderen beiden.

Sehr schön. Weil das so rasch zu lösen war, und wir nun noch ein wenig Zeit haben, können wir uns frank und frei noch einer näheren Betrachtung zuwenden. Beginnen wir mit dem vermutlich bekanntesten der drei Begriffe.

Tautologie: Die Tautologie ist eine rhetorische Figur, bei der ein bestimmter Sachverhalt durch zwei aneinandergereihte, annähernd sinngleiche Wörter verdeutlicht wird. Als Tautologe beachten Sie bitte, daß Ihre Wörter hierbei derselben Wortart angehören: nackt und bloß, rank und schlank, hegen und pflegen, Sturm und Drang. Dabei könnte jedes Wort auch für sich stehen, wäre alleine nur nicht ganz so kräftig.

Eine neuere Variante der Tautologie besteht darin, das Gesagte fremdsprachig zu wiederholen. Erfunden wurde sie in der Fußballbranche, wo es keiner mehr zu etwas bringt, der nicht »kämpft und fightet«. Offen ist bisher, ob dies im engeren Sinne tautologisch, oder im weiteren Sinne dämlich ist.

Pleonasmus: Doppelt gemoppelt wird auch beim Pleonasmus. Aber anders. Hier stellt man dem eigentlichen Begriff eine Erläuterung voran, deren Bedeutung jedoch in ersterem bereits enthalten ist. Das kann einer besonderen Hervorhebung dienen, es kann auch ein Zeichen dafür sein, daß der Sprecher nicht weiß, was er da redet.

Die Beispiele ordnen Sie bitte selber zu: weltweite Globalisierung, alter Greis, auseinanderklaffen, für Unbefugte verboten, ignoranter Betriebswirt. Wir merken uns, daß es sich jeweils – anders als bei der Tautologie – um zwei Wörter verschiedener Wortart handelt.

Hendiadyoin: Das Hendiadyoin ist ganz was Tolles. Es erinnert mit seinen zwei gleichen Wortarten an eine Tautologie, ist aber keine. Denn: Die beiden annähernd sinngleichen Begriffe verstärken sich hier nicht gegenseitig, sondern ergeben gemeinsam einen übergeordneten Sinn. »Feuer und Flamme« ist ein schönes Beispiel; ebenso geht es bei befürchtetem »Mord und Totschlag« meist nicht um lebensbeendende Vorgehensweisen, sondern um eine wenig konstruktive Tendenz der Situation.

Eine weitere Form des Hendiadyoin ist jene Stilfigur, bei der ein Adjektiv aus Gründen des Pathos in ein Substantiv verwandelt wird. »Trinkt aus Bechern und Gold!« anstelle von: »Trinkt aus goldenen Bechern!« Der Unterschied zur Tautologie besteht hier darin, daß das verwandelte Wort dem anderen logisch untergeordnet ist und nicht bedeutungsgleich alleine stehen kann.

Wir fassen zusammen:
Tautologie = Wiederholung mit Wörtern gleicher Wortart; Faustregel: doppelt moppeln mit »und«*
Pleonasmus = Wiederholung mit Wörtern verschiedener Wortart; Faustregel: doppelt moppeln ohne »und«*
Hendiadyoin = schwieriges Wort, das man niemals braucht; Faustregel: kennen, aber nicht darüber sprechen

Alle angegebenen Angaben sind wie stets und immer ohne Gewähr.


*) Faustregel bedeutet Faustregel, nicht ehernes Gesetz. »Bereits schon« ist ein(e) ...? Genau.


Nachtrag März 2008:
Konträr gesagt. Abgrenzungen für Angeber II »


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