11.08.2010

Im übrigen

... ist die zuvor erwähnte Kapelle nicht nur ballsicher, sondern auch erfrischend dreist. Oder sie haben haben ein Gespür für subtile Rache. Auf ihrer MySpace-Seite finden sich natürlich die obligatorischen Pressestimmen, darunter auch ein Zitat aus dem Guardian:

raw and honest and true... Watch out. Young Rebel Set are coming

Das ist sehr lustig, wenn man weiß, daß der vollständige Absatz so geht ...

His voice is so raw and honest and true he makes Billy Bragg sound like some Auto-Tuned R&B robo-boy. On Borders the band revisit Springsteen's early catalogue, and strive for heroic glory on this song about hard knocks and faith regained, but they sound like a Scout Hut troupe pretending to be Dire Straits. [...] – we could go on listing their attempts to capture the essence of their favourite artists and albums in words and music, but really we just need to say: Watch out. Young Rebel Set are coming.

... und in folgendes Fazit mündet:

The truth: We can't like every band, every day. And we really don't like this one.

Ein gut umgesetzter Fall von »weniger ist mehr«.


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26.07.2010

Live and let die

»Leben: Loveparade 2010 Disaster FullHD«


Gut, für den leicht zynischen Hinweis »FullHD« bei einem Video von einer Massenpanik mit 19 Toten kann man ja selber nichts. Aber, Rivva, ist »Leben« wohl wirklich die passendste aller Rubriken, das Thema durchzukauen?


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22.07.2010

Machtergreifung

Woran man auch gelegentlich mal erinnern kann:

Das Wort setzt ein Bild in Szene, dass nämlich damals ein Mann oder eine Partei aktiv nach der Macht gegriffen hätte. Historisch gesehen ist das höherer Blödsinn, eine Worthülse, die vor allem dazu dient, den Blick von den wirklichen Vorgängen abzulenken. Denn in Wahrheit wurden die Nazis von ganz anderen Gruppen installiert, es handelt sich um eine Machtübergabe gesellschaftlicher Eliten an einen politischen Desperado, der als Handpupppe eben jener Eliten dienen sollte. Dass dieser Plan gewaltig in die Hose ging, ist wiederum eine andere Geschichte.

Der ganze Text: Wortlügen »


(Wenn nur das Logo dort nicht so furchtbar wäre.)


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04.07.2010

Sollen. Brechen. Stelle.

Sprachkritik ist oft etwas müßig, vor allem, wenn nur eigene Gewohnheiten gegen den natürlichen Wandel verteidigt werden. Auch ist Logik nicht immer die geeignetste Kategorie, um etwas urtümlich gewachsenes und so vielen Einflüssen ausgesetztes wie Sprache zu erfassen.

Trotzdem muß man sich nicht alles gefallen lassen. Zwei Beispiele, die zuletzt häufig in Politik- und Bolzberichten vorkamen:


Sollbruchstelle

Was ist das Problem? Das Wort sagt doch alles. Sollbruchstelle. Sollen. Brechen. Stelle. Eine Stelle, die brechen soll. Worauf also möchte die FAZ mit folgender Analyse hinaus: »Die Sollbruchstellen im deutschen Spiel indes sind in der Vorrunde hervorgetreten. Das größte Defizit besteht auf der linken Abwehrseite.« Daß der Trainerstab die Position hinten links möglichst schwach besetzt hat, damit die Abwehr unter Druck genau dort zusammenbricht?

Das möchte man genausowenig glauben wie die Schlagzeile der Ärztezeitung: »Gesundheit wird Sollbruchstelle für die Koalition« oder die Beobachtung der Südwestpresse: »Wenn in diesen Tagen über den möglichen Bruch der schwarz-gelben Koalition spekuliert wird, liegen die Sollbruchstellen wieder mal offen zu Tage: Gesundheitsreform, Steuerpolitik, Präsidentenwahl.«

Nun hat wohl nicht einmal jeder der Abgeordneten der Regierungsparteien den Koalitionsvertrag gelesen. Daß dort allerdings die Themen Gesundheits- und Steuerreform und die Präsidentenwahl als jene festgeschrieben sind, an denen das Bündnis brechen soll, ist keine These, die als besonders tragfähig in die Thesengeschichte eingehen wird.

Nicht alles, was bricht, sollte auch brechen: Nicht jede Bruchstelle ist auch eine Sollbruchstelle.

Aber das klingt so schön, und was sollen wir denn sonst sagen? Das, was Ihr meint: Bruchstelle. Aber es sind ja nur mögliche Bruchstellen. Dann nennt sie doch genau so, um Himmels Willen. Mögliche Bruchstellen. Oder denkt Euch was aus. Ihr werdet fürs Schreiben bezahlt.

*

Fehlleistung

Wir sehen hier ein weiteres Kompositum. Geübte erkennen: Es setzt sich zusammen aus »Fehl« und »Leistung«. Noch Geübtere erkennen sogar, daß das etwas zu bedeuten hat und eine Fehlleistung etwas anderes ist als ein Fehler. Das klassische Beispiel ist der Freudsche Versprecher: Man sagt das, was man sagen möchte, falsch – das Falsche aber ist überraschend sinnvoll.

Wenig sinnvoll hingegen schreibt der stern, daß sich »die Schuld gewöhnlich auf eine einzelne, klar umrissene Fehlleistung bezieht (›Es tut mir leid, dass ich nicht pünktlich gewesen bin und du warten musstest.‹)«

Worin genau besteht hier die Leistung? Wenn man nicht stattdessen überpünktlich an einem völlig anderen Ort überraschend jemand ganz anderen getroffen hat, handelt es sich bei diesem Beispiel genausowenig um eine Fehlleistung wie bei kuriosen Schiedsrichterentscheidungen (»Da war das Duell gegen den Rivalen aus Südamerika gerade mal eine Stunde alt und der Zorn über die fatale Schiedsrichter-Fehlleistung beim Abseits-Tor durch Carlos Tevez noch nicht ganz verflogen.«) oder noch kurioseren Torwart-Phänomenen (»Praktisch jede Rochade im englischen Tor ergab sich aus einer kapitalen Fehlleistung der vorherigen Nummer 1.«).

Weder der Schiedsrichter noch die englischen Torhüter haben mit ihren Fehlentscheidungen und -griffen aus Versehen etwas geschaffen, das zwar in diesem Moment so nicht gewollt und alles andere als gut war, aber in einem anderen Zusammenhang durchaus gepaßt hätte. Sie haben einfach nur Fehler gemacht.

Wenn man als Faustregel gelten läßt, daß die »Leistung« in »Fehlleistung« – naheliegenderweise – für etwas Geleistetes, etwas in irgendeiner Form Sinnvolles steht, das nur eben statt des eigentlich zu Leistenden an einer völlig falschen Stelle erbracht wurde, dann ist eine weitere Kannbruchstelle deutschprachigen Formulierens unübersehbar.

Der letzte Satz ist ein bißchen lang.


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24.06.2010

netzwort-Leser wissen (wirklich) mehr

Unheimlich. Heute im Posteingang:

Sehr geehrte Damen und Herren,

hiermit möchte ich Ihnen mitteilen, dass ich ab dem 1. Juli 2010 meine Arbeitsstelle wechsle, und dadurch diese Geschäftsimailadresse nicht mehr gültig ist.

Mit freundlichen Grüßen
XXX


Dabei sollte das gar keine Prophezeiung sein. Das war doch nur Spaß!


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22.06.2010

Gleicher und gleicher

Das gewichtige Update steht für iPhone und iPod touch gleichsam kostenlos zum Download bereit.
(fscklog)

Machen wir's kurz: Nicht alles, was ähnlich klingt, bedeutet auch etwas Ähnliches. Kaká zum Beispiel ist etwas ganz anderes als Kacke. Und gleichsam ist etwas ganz anderes als gleichermaßen. Oder gleichzeitig. Immer noch.


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14.06.2010

Schon gewußt?

Mobilität - Umdenken beginnt im Kopf

Herausgefunden von: der Technischen Universität Berlin.


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05.06.2010

Rudelgucken

Hahaha. Ich möchte ja wirklich mal wissen, was sich ein Engländer oder Amerikaner denkt, wenn hier jetzt alle wieder zum »Public Viewing« gehen. Hast Du gewußt, daß im Englischen eigentlich nur öffentliche Totenschauen damit gemeint sind? Und hier denken alle, sie sprächen so weltgewandt, dabei ist das doch total bizarr!

So ungefähr klingt es, wenn die nun auch im Nachbarbüro (und anderswo) angekommene These vertreten wird, englische Muttersprachler würden aus dem genannten Grund entweder zusammenzucken oder sich schlapplachen, wenn irgendwo in der nicht-englischsprachigen Welt Menschen zum »Public Viewing« beliebter Ereignisse sich versammeln. Das Wort »Pseudoanglizismus« fällt.

Eigentlich wurde dazu vor ziemlich genau zwei Jahren im Bremer Sprachblog* schon alles gesagt:

Interessant an dieser Meldung ist aber die Behauptung, der Begriff Public Viewing sei ein "Scheinanglizismus" mit dem englische Muttersprachler "die öffentliche Aufbahrung von Toten" bezeichneten. Diese Interpretation des Begriffs ist mir zwar vertraut, aber es ist nicht unbedingt die erste, und mit Sicherheit nicht die einzige Bedeutung, die mir in den Sinn kommt. Viel häufiger ist im englischen Sprachraum die Bedeutung "Akteneinsicht durch die Öffentlichkeit", aber auch jede andere Art von Ereignis, bei der es öffentlich etwas zu sehen gibt, kann im Englischen mit public viewing bezeichnet werden – etwa öffentliche Theater- und Filmvorführungen, Vorführungen in Sternwarten, Kunstausstellungen, und natürlich auch die Übertragung von Fußballspielen auf Großbildleinwänden.

Nun ist das Ärgerliche ja nicht, daß jemand Dinge behauptet, obwohl es schon vor zwei Jahren im Bremer Sprachblog ganz anders stand. Nicht jeder liest das Bremer Sprachblog; viele wissen nicht einmal, was Blogs sind. Manche kennen noch nicht einmal Bremen. Außerdem ist natürlich das Zitierte zunächst auch nur eine Behauptung, und man muß selbst Sprachwissenschaftlern, die über Sprache reden, nicht automatisch alles glauben.

Nein, ärgerlich daran ist, daß man kuriose Thesen verbreitet, obwohl es so himmelschreiend leicht ist, sich binnen weniger Sekunden selbst und ganz allein vom Gegenteil zu überzeugen. Man muß noch nicht einmal richtig googeln. Es genügt schon, den Begriff in die Suchmaske einzugeben, um sich anhand der erscheinenden Suchvorschläge zumindest einen ersten Überblick über populäre Verwendungen zu verschaffen.

Zum Beispiel bei der britischen Google-Variante:

Suchvorschläge für »public viewing«

Ein einziger dieser Vorschläge, der letzte, hat unmittelbar etwas mit der Bedeutung »öffentliche Aufbahrung eines Toten« zu tun: Der Musiker Teddy Pendergrass starb Anfang dieses Jahres, und da sechs Platin-Alben in der Regel weder zur Anonymität noch zur Unbeliebtheit beitragen, gab es sicher viele Menschen, die beim public viewing noch einmal einen letzten Blick auf den Mann werfen wollten. Das schlägt sich auch in den Suchanfragen nieder, sei es, daß man vor Ort dabeisein möchte, sei es, daß man nach Fotos von dem Ereignis sucht.

Genauso hat das Erscheinen der darüber genannten Vorschläge seine Gründe. Viele gute Gründe. Der Grund allerdings, als nativ Englischsprachiger kenne man public viewing ausschließlich als öffentliche Leichenschau, dürfte wohl nicht darunter sein. Wenn man davon ausgeht, daß Google für diese Vorschläge die Häufigkeit bisheriger Suchanfragen und die Anzahl der jeweils zu erwartenden Ergebnisse zugrundelegt, scheint die Verwendung des Begriffs für leichnamfreie Situationen auch im englischen Sprachraum alles andere als unüblich zu sein. Ein ähnliches Bild liefert das amerikanische Google:

Suchvorschläge für »public viewing«

Erste Indizien sind natürlich nur erste Indizien, und das muß ja alles nichts heißen. Allerdings ist es keineswegs eine Vermessenheit, zu behaupten, daß auch durch tatsächliches Absenden der Suchanfrage die zuvor erwähnten wenigen Sekunden nicht überschritten werden, die ausreichen, den Sachverhalt doch einmal zu prüfen. Man erfährt Erstaunliches. Von überall auf der Welt:

»Spectators cheer during the public viewing of the performance of German singer Lena Meyer-Landrut at the Eurovision Song Contests in Hanover, northern Germany on May 29, 2010.«
(Kanada)

*

»That will continue over the next 12 weeks with public viewing of the designs available on Wednesday, 30 June at the new Marine Skills Centre at the Nautical College, and Buchanan Galleries shopping centre on Thursday, 1 July with opportunities for the public to give feedback and comment on the plans before they are submitted.«
(Schottland)

*

»The public viewing of the house is a part of the exhibition, Hendrix in Britain, which showcases handwritten lyrics, clothing, and other Hendrix paraphernalia.«
(USA)

*

»To ensure that people from KwaZulu-Natal are able to enjoy the World Cup, the provincial government has spent at least R80 million on public viewing areas (PVAs).«
(Südafrika)

*

»Just to let everyone know, public viewing nights are held every first Friday of the month. Clear or cloudy nights the public viewing night goes ahead.«
(Australien)

*

»A major piece of Canadian history is available for public viewing in Thunder Bay starting today.«
(Kanada)

*

»First public viewing of Halo 3: ODST«
(England)

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Auch das muß man natürlich alles nicht glauben. Auch weiterhin kann man sich an seinem Sprachfundstück erfreuen und auf die blöden Anderen deuten.

Das entscheidet jeder selbst.


*) Inzwischen unter neuer Adresse: das Sprachlog


Nachtrag 8. Juni: Für »11 Freunde« noch mal ein bißchen umgemodelt.

Nachtrag 14. Juni: Der oben zitierte Anatol Stefanowitsch greift das Thema auch noch (zwei-)mal auf.


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31.05.2010

Donnerwetter

Horst Köhler tritt zurück, und Guido Westerwelle erwischt es am schlimmsten:

Der Außenminister sei "wie vom Donner getroffen gewesen", hieß es aus Westerwelles Umgebung.

Immerhin: besser als vom Blitz gerührt.


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28.05.2010

i!

Ist Apple schuld? Die Simmung kippt. War einst das E das zentrale Symbol für die Spannweite des virtuellen Fortschritts, drängt sich zusehends das Cupertinosche I in den Vordergrund. Zwar sind die modernen Klassiker noch massiv präsent: E-Mail, E-Books, E-Paper, E-Herd, Elefant. Doch Apple positioniert den Konkurrenten konsequent und mit aller Härte: iPod, iPad, iMac, iPhone und iTunes sind auch für jene, die Apple-Produkte als fatale Ausgeburten der Hölle meiden, allgegenwärtig. Das mußte Folgen haben. Nicht zu erwarten war jedoch, daß man zuerst in der nicht eben von Early Adopters dominierten Branche des flüssignahrungsgestützten Passivsports nachzog:


»PUBLIC VIEWING in der Ivent-Scheune«


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