23.01.2008

Kettenhilfe

Eine fast wahre Geschichte

[...]
Morgens halb zehn, Stephansplatz. Die Menschen streben aus der Tiefe des U-Bahn-Schachtes ins Freie, unter ihnen eine Frau mit Kinderwagen und ich. Am Fuß der Treppe befinde ich mich genau neben ihr, und es trifft mich die volle moralische Wucht der Situation.

»Kann ich helfen?«, frage ich also mit Blick auf den Wagen, denn im übrigen bin ich ja auch ein wahnsinnig netter Mensch. Sie nimmt dankend an; was sich jetzt nur störend bemerkbar macht, ist der große Karton, den ich in Händen halte, sperrige Mitbringsel für einen Kollegen. Und nun?

Wohl ebenfalls aus einem Nettigkeitsreflex heraus fragt eine junge Frau, ob sie das dann mal kurz nehmen solle? Oh ja, sage ich, danke. Sehr nett. Was sie dabei nicht bedacht hat, ist die Tatsache, daß sie gerade vom Bäcker kommt und in einer Hand einen Kaffee, in der anderen ein belegtes Baguette hält. Auch sie kann das nicht länger ignorieren. Sie stutzt wie ich zuvor.

Doch der netten Menschen kein Ende. Ein bärtiger Mann mit Hut nimmt sich lachend des Kaffees an und gemeinsam bewältigen wir die Treppe; die Frau und ich mit dem Kinderwagen, die junge Frau mit meinem Karton, der bärtige Mann mit dem Kaffee der jungen Frau. Oben umfassende Übergaben und Dankbarkeitsgesten.

»Vielen Dank«, sagt die Frau mit dem Kinderwagen, und ich sage »Gerne« und bedanke mich bei der jungen Frau, die mir meinen Karton wiedergibt, und sie sagt »Gerne« und bedankt sich bei dem bärtigen Mann mit Hut, der ihr den Kaffee reicht, und er sagt »Sehr gerne«.

Es menschelte.


Wenn ich mir nur nicht an diesem Scheiß-Kinderwagen die Hose so dreckig gemacht hätte.
[...]

von Tobias | 24.01.2008, 15:16 | [Link]

Schon fast zu skurril, um wahr zu sein. Das ließe sich doch auch simpler lösen,0 aber etwas Herzenswärme am Morgen schadet ja nicht.


von Hannes | 25.01.2008, 09:54 | [Link]

Haha. Großartig.


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