»Manchmal ekelt es mich ein wenig an, auf dieser Welt zu leben.«
(Kennt das Gefühl auch: José Mourinho)
»Manchmal ekelt es mich ein wenig an, auf dieser Welt zu leben.«
(Kennt das Gefühl auch: José Mourinho)
stw | 17:59 | wortwahl | titelträume | mostly harmless | gefunden | zwitschern
»Hohl ist der Boden unter den Tyrannen, die Tage ihrer Herrschaft sind gezählt.« – Schillers »Tell« scheint wieder sehr modern zu sein, insbesondere in Bundesliga-Vereinsvorständen und Sportredaktionen: Wo früher harte Trainer, Raubeine und Disziplinfanatiker an der Seitenlinie saßen, sind es heute nur noch Despoten, Unterdrücker und Unmenschen.
Jetzt, da mit dem BVB eine von einem umgänglichen, rhetorisch begabten Mann trainierte Mannschaft den deutschen Fußball dominiert, geht es in der restlichen Liga plötzlich zu wie in Afrika: Es ist Diktatoren-Dämmerung. Die unnahbaren Alleinherrscher haben ausgedient, heißt es, eine neue, kommunikative, offene und überhaupt ganz andere Trainergeneration rückt nach; mehr noch: verdrängt die alte.
»Ein Fußball-Verein ist heutzutage keine One-Man-Show. Es ist schwer mit ihm zu reden, weil er die Meinung anderer Leute nicht akzeptiert«, sagte Bayern-Präsident Uli Hoeneß über Louis van Gaal. Der Schalke-Aufsichtsratsvorsitzende Clemens Tönnies möchte den Führungsstil des Trainers Felix Magath nur noch auf folgenden Punkt bringen: »Unmenschlicher Umgang mit den Mitarbeitern und Spielern.«
»Er war ein angsteinflößender Bastard«
Andere finden noch deutlichere Worte. »Er hat uns Angst eingejagt. Ich hatte noch nie vor jemandem Angst, aber er war von Anfang an ein angsteinflößender Bastard. Alles war auf seine Ziele ausgerichtet. Zeit spielte für ihn keine Rolle; er trug nie eine Uhr. Wenn er etwas erledigt haben wollte, blieb er so lange, wie es eben brauchte. Er war bösartig«, sagt ein ehemaliger Spieler.
Ein Führungsstil, der heute an seine Grenzen stößt? Die Spieler sind selbstbewußter, das Medienumfeld ist gieriger, kritischer und kaum mehr steuerbar. Ohne Erfolg kein ruhiges Arbeiten – und dieser Erfolg kann, mit Angst erkauft, kein langfristiger sein, denn nach einer, höchstens zwei Spielzeiten sind die Spieler ausgebrannt, eingeschüchtert oder zumindest maximal angepißt. Kein Personal, mit dem man etwas gewinnt. Das leuchtet jedem ein.
Jedem? Felix Magath offenbar nicht. Einem eigenwilligen Schotten auch nicht. Sein Name ist Alex Ferguson; er ist der angsteinflößende Bastard in obigem Zitat. Es stammt von Bobby McCulley, Spieler unter Ferguson bei dessen ersten Trainerstation beim FC East Stirlingshire.
Seit 1986 ist dieser Bastard der Trainer von Manchester United, seit einem Vierteljahrhundert also inzwischen, und begleitet von teilweise recht schrillen Medien wurde er mit hochbezahlten, an der Grenze zur Arroganz selbstbewußten Stars in der nicht allerschlechtesten Liga der Welt 1993 und 1994 englischer Meister. Und 1996 und 1997. Und 1999, 2000 und 2001. Und dann 2003, und dann in einem weiteren Hattrick 2007, 2008 und 2009. Daneben gab es die FA-Cup-Siege 1990, 1994, 1996, 1999 und 2004, und den Gewinn der Champions League 1999 und 2008. Aktuell ist er Tabellenführer in der Premier League.
Das klingt nicht gerade nach verbrannten Mannschaften, auch nicht danach, daß ein Führungsstil, der sich zwischendurch darin äußerte, einem Spieler den Fußballschuh ins Gesicht zu befördern (Nachfragen an David Beckham), heutzutage nicht mehr zum Erfolg führen kann; man halte davon, was man will.
Geöffnet: Das ganz große Faß
Gewiß sind bei Manchester United allerlei Dinge ganz anders, und die Situation ist nicht direkt mit den deutschen Klubs vergleichbar. Aber ist nicht genau das der Punkt? Daß es eben nicht in erster Linie das Temperament des Trainers ist, was über Wohl und Wehe entscheidet? Sondern eben – allerlei Dinge?
Darüber kann man lange diskutieren, nicht jeder Einzelfall läßt Schlüsse für die Allgemeinheit zu, auch der (Erfolgs-)Fall Ferguson nicht. Das gilt für aktuelle Mißerfolgsfälle allerdings genauso. Auch deshalb sollte man zu diesem Zeitpunkt nicht gleich das ganz große Faß aufmachen und wie die »Süddeutsche Zeitung« davon sprechen, daß der moderne Fußball »einige gesellschaftliche Entwicklungen verspätet« nachvollziehe.
Sollte das so sein, dann tut er das bemerkenswert schnell. Erinnern wir uns an folgende Abschlußtabelle: Meister Bayern München vor dem FC Schalke 04 vor Werder Bremen. In Trainern gesprochen: Louis van Gaal vor Felix Magath vor Thomas Schaaf – wobei letzterer zwar kein tyrannischer Schleifer, aber eben auch kein Kloppo von der Weser ist.
Das war nicht im vorigen Jahrhundert. Das war im vorigen Jahr, vor etwa acht Monaten. Und die Zeit wird sicher kommen, wo die Klopps, Tuchels und Slomkas mit ihren Teams im Mittelfeld stagnieren oder möglicherweise sogar am Abstiegsabgrund taumeln, während ein Bastard ganz oben steht.
Wenn man dann nicht wieder nach dem starken Manne ruft – dann ist die gesellschaftliche Entwicklung im Fußball angekommen.
(Text für »11 Freunde«. Dort mit schöner Bilderstrecke der schlimmsten Fußball-Diktatoren.)
stw | 13:13 | titelträume | zwitschern
Freitagnachmittag, Hamburger Schanzenpark
»Get back!« Der englische Torhüter brüllt, als ginge es um den FA Cup. Er brüllt schon die ganze Zeit. Keine Spielsituation bleibt unkommentiert, lautstark lobt er gute Aktionen seiner Mitspieler, warnt vor dem nahenden Gegner, manchmal passiert auch gar nichts, dann ruft er »Come on!« oder mahnt an, den Ball am Boden zu halten und flach zu spielen. Er wird keinen groben Schnitzer machen heute, das kann man nicht von jedem Engländer im Tor behaupten, er wird seiner Mannschaft heute sogar den Sieg retten. Dabei ist er eigentlich gar kein Torhüter. Er heißt Andy Parmley und ist Gitarrist der englischen Band Young Rebel Set, die heute ihre Debüt-LP in Deutschland veröffentlicht und zur Feier des Tages gegen ihr deutsches Label Grand Hotel van Cleef (GHvC) den Klassiker Deutschland gegen England nachspielt.
»Das war so 'ne Daffke-Idee, wie man sie halt manchmal hat«, sagt Thees Uhlmann, Tomte-Sänger, GHvC-Mitbegründer und heute die deutsche Zehn. Weil man halt gerne Fußball spielt. Und weil man sich nach der Musik ohnehin gleich über Fußball unterhalten hat, damals, als er Ende 2009 nach England flog, um die Rebels für den deutschen Markt unter Vertrag zu nehmen, keine drei Wochen, nachdem er erstmals von ihnen gehört hatte. Daß sie immerhin zu siebt sind und heute nachmittag nur minimal ergänzt werden müssen, kam der Idee wohl auch zugute; mit den White Stripes würde man sich vielleicht eher zu einem anderen Sport verabreden. Was so großartig an diesen Sieben sei, daß er damals gleich dort und sie nun hier seien? Die »simpel originäre Musik«, sagt Uhlmann, und »daß sie in der großen englische Tradition mit Songs Geschichten erzählen.«
Auf dem Platz gehen sie in einer anderen großen Insel-Tradition »auch englische-Härte-mäßig in die Vollen« (Halbzeit-Analyse Uhlmann), überraschen daneben aber mit technischen Fähigkeiten und sind für eine Band, die man vor etwa zwei Stunden aus dem Bett geklingelt hat, verblüffend laufbereit. Und nach einem sehenswerten Angriff über die rechte Seite gehen sie in Führung. Irgendwie landet der Ball vor dem links nachrückenden Engländer, er verwandelt energisch.
Es ist Matty Chipchase, Frontmann, Songwriter, Kopf der Band, und auch auf dem Platz also vorn dabei, wenn auch nicht ganz der Spielführer, der er innerhalb der Band ist und wohl auch sein muß, wenn man sich mit sechs anderen auf eine Melodie oder einen Text oder ein Arrangement einigen soll. Wie das geht? »Ich schreibe die Songs und sage, wie sie gespielt werden, kein Problem.« Vielleicht weiß er ein kleines bißchen besser, wo vorne ist, als einziger der Sieben ist er Anhänger von Newcastle United, sonst sind sie alle Middlesbrough-Fans, das ist die nächste größere Stadt neben ihrem Heimatort Stockton-on-Tees.
Sie mögen seine Songs, offensichtlich, seine Statur macht ihn nicht zum Chef, er ist bei weitem der schmächtigste der sieben Rebellen und der einzige, bei dem der Aufdruck ihres Trikots »Birth, School, Stadium, Death« nicht wie die natürliche Biographie anmutet. Ohne seine schmalen Karotten-Jeans, Lederjacke und sein Sonnenbrille, die aussieht wie ein Geschenk von Götz Alsmann, wirkt er im Trikot eher wie ein Literaturstudent, der auch mitspielen darf. Aber mit dem Ball umgehen kann er, sie alle machen keine schlechte Figur. Ob sie viel Fußball spielen in ihrer Freizeit? »Wir trinken viel.« Spaß haben wollen sie, die Dinge geschehen lassen, das gilt auch für ihren heute eingeläuteten musikalischen Deutschland-Start, mal sehen, was kommt, »whatever will be will be.«
Ein Hauch von Barcelona
Ein weiteres Tor fällt, wieder für den Gastgeber, inzwischen steht es 2:1 für die Deutschen. Zurückgekämpft, Spiel gedreht, alles im Lot, wie immer bei wichtigen Spielen gegen England. Doch die Aufholjagd fordert ihren Tribut. »Halbzeit!«, fleht ein sichtlich pumpender Uhlmann in Richtung Schiedsrichter. Um seine Mitspieler ist es nicht ganz so schlimm bestellt. Es ist eine Art Betriebsmannschaft des Labels um Uhlmann und die Kettcar-Musiker Marcus Wiebusch und Reimer Burstorff, der Ex-Praktikant ist auch dabei und ein Azubi, dazu ein paar Freunde. Sie alle können die ganz kleine Revanche für Bloemfontein indes nicht verhindern.
Stattdessen weht ein ganz kleiner Hauchs von Barcelona 1999 über den Kleinfeldkunstrasen des Polizeisportvereins, als kurz vor der Halbzeit eine Ecke der Engländer nach, sagen wir, nicht ganz optimal geglückter Torwartaktion auch noch per Eigentor zum 2:2-Ausgleich führt, den diesmal auch der Schiedsrichter nicht übersieht. Wiebusch wird den Treffer noch eine halbe Stunde nach Abpfiff nicht ganz verwunden haben und als »demoralisierenden« Tiefpunkt es Spiels deuten.
Aber er wird sich auch erfreut darüber zeigen, daß »fußballerisch was ging«, und sich die Engländer nicht als Bolzbanausen entpuppt haben, so genau gewußt hätte man das ja nicht. Sie sind alles andere als das; hinzu kommt in der zweiten Hälfte offenbar eine leichte konditionelle Überlegenheit, zeitweise beherrschen sie das Spiel, sogar vereinzelte Doppelpässe werden gesichtet, und als sie 3:2 in Führung gehen, ist es ein Tor, das Tom Bartels »logisch« nennen würde.
Gerackert haben sie jedenfalls dafür, sie nehmen das Spiel ernst, wie sie überhaupt bei allem Spaß ihre Ambitionen nicht vergessen. Es steckt eine Art unangestrengter Ehrgeiz in ihrem Auftreten, hier auf dem Platz und daneben, und nichts verdeutlicht das besser als die Anwesenheit von Dave Coombe. Er spielt Mundharmonika in der Band, nicht auch, sondern nur, er ist kein Virtuose am Gerät, aber auch kein »Gadget« (Uhlmann), sondern spielt »das halt in totaler Ernsthaftigkeit«, was dem Spaß keinen Abbruch tut, vielleicht gerade deshalb nicht.
Weil sich das nicht ausschließt, kann auch Matty Chipchase über die Bezeichnung als Musiker lachen – man beherrsche ja nicht einmal die Instrumente und wolle einfach Spaß auf der Bühne haben – und trotzdem von »fünf großartigen Alben« in den nächsten Jahren träumen und davon, eine Spur zu hinterlassen als Band. Und deshalb können sie sich einen Riesenspaß daraus machen, das kleine Spiel ernst zu nehmen.
Die Partie ist fast aus, es läuft die vehemente Schlußoffensive der Deutschen, allein fünf Mal kracht der Ball ans Aluminium, zwischendurch setzt Wiebusch noch einen knapp drüber. Nichts davon kann Torwart Parmley erschüttern, bei jedem Ball, der neben ihm an den Pfosten knallt oder knapp vorbeigeht, hebt er so selbstverständlich die Hände zur Entwarnung, als hätte er das schon beim Schuß gesehen, die letzte deutsche Chance vereitelt er reaktionsstark. Abpfiff. Ein zünftiger Jubelschrei von den Engländern, Applaus von den Zuschauern.Am Ende strahlen alle. Die Engländer, weil sie gewonnen haben, die Deutschen, weil sie Spaß hatten, und Thees Uhlmann wahrscheinlich auch, weil es vorbei ist. Gleich ist dritte Halbzeit, oben, auf dem Dach des Hamburger Medienbunkers. Dann geht der Spaß auf der Bühne weiter.
(Ein bißchen mehr Worte und ein bißchen weniger Patzer als in der »11 Freunde«-Version.)
Nachtrag 11. August: Viele, viele Bilder vom Geschehen sowie ein paar Sachinformationen, die hier verschwiegen wurden, findet man bei Doreen Reichmann.
stw | 18:47 | titelträume | kulturalien | alsteralltag | zwitschern
stw | 21:03 | titelträume | alsteralltag | zwitschern