16.03.2011

Bye-bye, Bastard?

Felix Magath hat auf Schalke ausgedient, Louis van Gaal beim FC Bayern spätestens am Saisonende. Doch ist die Zeit des autoritären Trainertyps mit dem Abschied der beiden Schleifer tatsächlich schon abgelaufen?


»Hohl ist der Boden unter den Tyrannen, die Tage ihrer Herrschaft sind gezählt.« – Schillers »Tell« scheint wieder sehr modern zu sein, insbesondere in Bundesliga-Vereinsvorständen und Sportredaktionen: Wo früher harte Trainer, Raubeine und Disziplinfanatiker an der Seitenlinie saßen, sind es heute nur noch Despoten, Unterdrücker und Unmenschen.

Jetzt, da mit dem BVB eine von einem umgänglichen, rhetorisch begabten Mann trainierte Mannschaft den deutschen Fußball dominiert, geht es in der restlichen Liga plötzlich zu wie in Afrika: Es ist Diktatoren-Dämmerung. Die unnahbaren Alleinherrscher haben ausgedient, heißt es, eine neue, kommunikative, offene und überhaupt ganz andere Trainergeneration rückt nach; mehr noch: verdrängt die alte.

»Ein Fußball-Verein ist heutzutage keine One-Man-Show. Es ist schwer mit ihm zu reden, weil er die Meinung anderer Leute nicht akzeptiert«, sagte Bayern-Präsident Uli Hoeneß über Louis van Gaal. Der Schalke-Aufsichtsratsvorsitzende Clemens Tönnies möchte den Führungsstil des Trainers Felix Magath nur noch auf folgenden Punkt bringen: »Unmenschlicher Umgang mit den Mitarbeitern und Spielern.«

»Er war ein angsteinflößender Bastard«

Andere finden noch deutlichere Worte. »Er hat uns Angst eingejagt. Ich hatte noch nie vor jemandem Angst, aber er war von Anfang an ein angsteinflößender Bastard. Alles war auf seine Ziele ausgerichtet. Zeit spielte für ihn keine Rolle; er trug nie eine Uhr. Wenn er etwas erledigt haben wollte, blieb er so lange, wie es eben brauchte. Er war bösartig«, sagt ein ehemaliger Spieler.

Ein Führungsstil, der heute an seine Grenzen stößt? Die Spieler sind selbstbewußter, das Medienumfeld ist gieriger, kritischer und kaum mehr steuerbar. Ohne Erfolg kein ruhiges Arbeiten – und dieser Erfolg kann, mit Angst erkauft, kein langfristiger sein, denn nach einer, höchstens zwei Spielzeiten sind die Spieler ausgebrannt, eingeschüchtert oder zumindest maximal angepißt. Kein Personal, mit dem man etwas gewinnt. Das leuchtet jedem ein.

Jedem? Felix Magath offenbar nicht. Einem eigenwilligen Schotten auch nicht. Sein Name ist Alex Ferguson; er ist der angsteinflößende Bastard in obigem Zitat. Es stammt von Bobby McCulley, Spieler unter Ferguson bei dessen ersten Trainerstation beim FC East Stirlingshire.

Seit 1986 ist dieser Bastard der Trainer von Manchester United, seit einem Vierteljahrhundert also inzwischen, und begleitet von teilweise recht schrillen Medien wurde er mit hochbezahlten, an der Grenze zur Arroganz selbstbewußten Stars in der nicht allerschlechtesten Liga der Welt 1993 und 1994 englischer Meister. Und 1996 und 1997. Und 1999, 2000 und 2001. Und dann 2003, und dann in einem weiteren Hattrick 2007, 2008 und 2009. Daneben gab es die FA-Cup-Siege 1990, 1994, 1996, 1999 und 2004, und den Gewinn der Champions League 1999 und 2008. Aktuell ist er Tabellenführer in der Premier League.

Das klingt nicht gerade nach verbrannten Mannschaften, auch nicht danach, daß ein Führungsstil, der sich zwischendurch darin äußerte, einem Spieler den Fußballschuh ins Gesicht zu befördern (Nachfragen an David Beckham), heutzutage nicht mehr zum Erfolg führen kann; man halte davon, was man will.

Geöffnet: Das ganz große Faß

Gewiß sind bei Manchester United allerlei Dinge ganz anders, und die Situation ist nicht direkt mit den deutschen Klubs vergleichbar. Aber ist nicht genau das der Punkt? Daß es eben nicht in erster Linie das Temperament des Trainers ist, was über Wohl und Wehe entscheidet? Sondern eben – allerlei Dinge?

Diktiert für:

Darüber kann man lange diskutieren, nicht jeder Einzelfall läßt Schlüsse für die Allgemeinheit zu, auch der (Erfolgs-)Fall Ferguson nicht. Das gilt für aktuelle Mißerfolgsfälle allerdings genauso. Auch deshalb sollte man zu diesem Zeitpunkt nicht gleich das ganz große Faß aufmachen und wie die »Süddeutsche Zeitung« davon sprechen, daß der moderne Fußball »einige gesellschaftliche Entwicklungen verspätet« nachvollziehe.

Sollte das so sein, dann tut er das bemerkenswert schnell. Erinnern wir uns an folgende Abschlußtabelle: Meister Bayern München vor dem FC Schalke 04 vor Werder Bremen. In Trainern gesprochen: Louis van Gaal vor Felix Magath vor Thomas Schaaf – wobei letzterer zwar kein tyrannischer Schleifer, aber eben auch kein Kloppo von der Weser ist.

Das war nicht im vorigen Jahrhundert. Das war im vorigen Jahr, vor etwa acht Monaten. Und die Zeit wird sicher kommen, wo die Klopps, Tuchels und Slomkas mit ihren Teams im Mittelfeld stagnieren oder möglicherweise sogar am Abstiegsabgrund taumeln, während ein Bastard ganz oben steht.

Wenn man dann nicht wieder nach dem starken Manne ruft – dann ist die gesellschaftliche Entwicklung im Fußball angekommen.


(Text für »11 Freunde«. Dort mit schöner Bilderstrecke der schlimmsten Fußball-Diktatoren.)

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