27.10.2007

Weniger und mehr

[...]
Ich tippe rasch meine Antwort. Plötzlich aber halte ich inne und betrachte die zuletzt geschriebenen Worte. Da steht: »zunehmend weniger«.

Das ist ganz und gar unlogisch, denke ich im ersten Moment. Im zweiten denke ich es schon nicht mehr, im Gegenteil: Wenn es aus einer Sicht daran nichts zu beanstanden gibt, dann aus Sicht der Logik – jedenfalls, wenn man tatsächlich meint, was man sagt; daß irgendetwas nicht nur abnimmt, sondern auch immer schneller.

Mathematiker würden jetzt eine Kurve zeichnen, die erst flach, und dann immer steiler nach rechts unten verläuft, wie die rechte Seite eines Torbogens, und sie würden darauf deuten und sagen, daß auf jeweils gleichgroßen Abschnitten nach rechts die Linie immer größer werdende Abschnitte nach unten vollzieht. Diese wachsenden Beträge würden sie als neue, nun ansteigende Linie zu Papier bringen, und vielleicht würden sie beide Zeichnungen nebeneinanderhalten, links die Steigung, rechts den Torbogen, als graphischen Ausdruck von »zunehmend weniger«.

Andere, die keine abstrakten Linien mögen, würden wohl, hart an der Praxis, von irgendeinem Produkt erzählen, dessen Preis immer schneller sinkt, vielleicht Speicherkarten. Erst kosten sie 60 Euro, später 50, irgwendwann nur noch 35 Euro, und jetzt 15. Erst 10 Euro weniger, dann 15, und am Ende noch mal 20 Euro billiger – zunehmend weniger.

Eine sehr präzise Wendung. Knapp und korrekt. Logisch einwandfrei.

Kurioserweise klingt sie ganz anders, gar nicht nach Präzision und Logik, sondern irgendwie nach Mini-Riesenrädern. Nach Frauenmannschaft und nach Minuswachstum. Und nach einem früheren Dozenten, der in einer Veranstaltung über manipulative Statistiken nicht nur Irreführung anzuprangern hatte, sondern bisweilen auch feststellen mußte, dies oder das sei »richtiggehend falsch«. Sie klingt einfach paradox.

Und das ist toll. Damit haben wir ein doppeltes Paradoxon, ein Meta-Paradoxon, denn ist es nicht seinerseits paradox, daß ein sprachlich paradoxer Ausdruck gleichzeitig sprachlich völlig logisch ist? Ich finde das großartig, auch wenn ich weiß, daß das gar nicht stimmt. Er klingt ja nur widersprüchlich.

Daß die scheinbar paradoxe Seite so zum Vorschein kommt, mag allerdings daran liegen, daß die logische so ziemlich keinen interessiert. Ist es nicht so, daß diese Wendung zunehmend weniger ihrer Bedeutung gemäß gebraucht wird, sondern zumeist so wie in dem Satz, den Sie gerade lesen? Als Synonym für »immer seltener«, oder einfach als Ausdruck einer Tendenz, einer Schätzung oder – wie in meinem zugrundeliegenden Falle, ich räume es ein – eines unbestimmten Gefühls?

Vor wenigen Tagen berichtete zum Beispiel die Neue Zürcher Zeitung, »dass die Anleger zunehmend weniger gewillt seien, sich den Marktrisiken auszusetzen.« Nicht weniger. Zunehmend weniger. Vielleicht ganz genau nachgezählt. Vielleicht auch nicht. Sehr wahrscheinlich, daß nicht.

Ist das nicht auch paradox? Wer tatsächlich und genau »zunehmend weniger« meint, der sagt es nicht (wohl eher Sachen wie »überproportional abnehmend«) – und wer es sagt, der meint es nicht. Und irgendwie gefällt mir das.

Epilog
Was einem manchmal alles durch den Kopf geht, wenn man irgendwo hängenbleibt. Ich tippe meine Antwort schnell zuende. Als ich sie abgeschickt habe, weiß ich gar nicht, was ich an dieser Stelle stattdessen geschrieben habe. Oder ob ich es einfach hab' stehenlassen.

Manchmal denke ich, ich merke mir zunehmend weniger.
[...]

vorherige Seite →← nächste Seite