25.02.2008

Luxauge

Die ziemlich unregelmäßige Kolumne

Etepetete

von Christoph Robert Lux


Mit gewissen Ekelgeschichten ist es wie mit Prekariatstelevision: Der stilbewanderte Bildungsbürger findet sie pfuibäh – und kennt sie merklich detailliert. Thematisch einmal angerissen, weiß jeder auf plastischste Art etwas beizusteuern.

Es muß nur einer den Anfang machen. Zum Beispiel Axel Hacke. Der berichtet von seiner Abneigung gegen Frühstücksbuffets, und nun hat er auch noch bei Gorkow gelesen, daß unverbrauchtes Verzehrmaterial keineswegs weg-, sondern stattdessen aufs nächste Buffet geschmissen wird.

Ja!, wird jetzt von den Umsitzenden erklärt; wüßte man ja, wüßte man. Und es beginnen die Geschichten von dubiosen Zutaten hier und von anrüchigen Zweitverwertungen da, etwa von Steaks, die testweise und unauffällig markiert auf dem Teller belassen – und später vom Haus wieder serviert worden seien.

Was ruft das Volk? Igitt! Ich aber rufe: Na und? Besser als fortwerfen. Wurde uns nicht allezeit eingebleut, daß in Afrika die kleinen Kinder verhungern und man sowieso nichts verschwenden solle, aber Essen schon mal gar nicht? Her mit den unberührten Steaks! Hinab in meinen Magen, und fort mit dem gesparten Fleisch nach Afrika!

Unberührt, aber nicht unversehrt, Herr Lux, nicht alles, was man nicht sieht, ist auch abwesend. Womit wir wieder bei Axel Hacke sind, der weiterhin gelernt hat, daß die Frühstücksbuffets nicht nur second hand, sondern auch noch voller Spucke sind. Grund: Dialogbereitschaft. »Gehen mehr als ein Dutzend Menschen redend an einem Buffet vorbei, ist der nicht sichtbare, aber faktisch umhergesprühte Speichelregen von erstaunlicher Dichte.« (Gorkow)

Und dann haben wir den Salat. Genauer gesagt haben wir es dann auf dem Salat. Und schlimmer noch: Nicht nur reden tut der Mensch, sondern er greift auch zu! Berührt kostbare Verzehrmaterie. Und schon wimmelt es von »Lebensmitteln, die von Serviergabeln und Servierlöffeln wieder in die Schüsseln und auf die Teller gleiten, und zwar nachdem sie mit Hilfe von Fingern auf die Gabeln und Löffel gelegt worden sind. Berührt der Mensch Lebensmittel, sieht die Sache gleich mal verheerend aus. Derart Verkeimtes, zurückgefallen auf den Teller der Unschuld, ist unter dem Gesichtspunkt der Hygiene und Gesundheit eine grelle Katastrophe« (Gorkow).

Ja, der Mensch. Kaum ist er da, schon macht er Ärger. Ergo: »Unter hygienischen Gesichtspunkten ist ein Buffet nicht zu empfehlen.« Eine Bahnfahrt allerdings auch nicht. Oder ein Besuch im Supermarkt. Eine überfüllte Party ohnehin nicht. Überhaupt sollte man den Schritt vor die Tür unbedingt vermeiden, wie schnell trifft man Menschen sonst. Und unter hygienischen Gesichtspunkten ist das kaum zu empfehlen. Speichelregen überall, Keime auf Dingen der Unschuld, Krankheit lauert und Tod.

Schluß mit solcher Depression! Wohl will ich nicht verhehlen, daß diese oder jene Überspitzung meine Zeilen durchwirkte, dennoch wage ich die Frage: Denken wir, der Autor eingeschlossen, nicht gelegentlich eine Terz zu nachdrücklich in eine Richtung, die steril zu nennen mir durchaus vertretbar erscheint? Anders: Sind wir nicht viel zu etepetete?

Kein moderner Aufsatz ohne steile These. Hier ist meine: Ja, sind wir. Gründe: zivilisatorische – besonders städtische – Naturentfremdung und medial bombende Hochglanzästhetik. Die eine beschert uns Lebensmittel nur noch als zurechtgemachte Endprodukte hinter idealisierenden Packungsbildern; die andere zeigt uns Menschen und Umwelt nur noch als poren- und keimfreies Reich immer und überall herrschender Glätte und Reinheit.

Als belesener Bildungsbürger werden Sie mich recht verstehen. Keinesfalls möchte ich die Hygienefortschritte der Moderne missen. Kenntnis und Achtung gewisser Zusammenhänge im mikroskopischen Raum haben sich als sehr vorteilhaft fürs Leibeswohl erwiesen. Auch sollte man an gewissen Orten hygienische Aspekte mit aller Strenge priorisieren. Doch zwischen vormoderner Unbekümmertheit und dem Drang, den Halteknopf im Bus nur mit übergestülptem Jackenärmel zu betätigen, ist noch viel Platz; so viel ungefähr wie zwischen Axel Hacke und einem Frühstücksbuffet.

Nieder mit dem falschen Ekel. Gründe für angebrachten gibt's genug.

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