12.06.2006

Schwyzerdütsch

»Ich weiß, Baby, du würdest tierisch drauf stehen. Aber weißt du, was das abgefahrenste an Europa ist?«
»Was?«
»Das sind die kleinen Unterschiede. Ich meine, die haben den gleichen Scheiß, der hier läuft, aber da läuft's ne Spur anders.«

(Pulp Fiction)

Mögen Sie auch Schweizer Sportnachrichten? Wir schon. Es sind die kleinen Unterschiede. Die haben den gleichen Scheiß, der hier läuft; die gleichen Themen, im wesentlichen das gleiche und typische Sportvokabular – aber da läuft's ne Spur anders.

Dank einer deutlichen Leistungssteigerung in der zweiten Halbzeit schlugen die Mittelamerikaner Irans Ensemble 3:1.
(NZZ Online)

Zugegeben, mit etwas Glück kann man ein Fußballensemble auch bei uns finden. Allerdings muß man sich dafür vermutlich schon ins Feuilleton bemühen und in eine sportphilosophische Betrachtung vertiefen. Dem Schweizer reicht Mexiko - Iran.

Die Mexikaner gewannen übrigens 3:1, obwohl sie sich ...

auch im zweiten Umgang

... nicht allzu viele Torchancen erarbeiteten. Genau wie die Portugiesen später am Abend gegen Angola. Doch selbst der etwas müde Ball des Scolari-Ensembles verdirbt den Schweizern nicht die Laune.

Vor allem Figo verblüffte die Beobachter mit einer vifen Darbietung.
(NZZ Online)

Vif gesagt. Ganz mirakulös. Bitte? Sie wissen schon, wie am Sonntag beim French-Open-Finale, als ...

... Federer noch einmal seinen ganzen Kampfgeist mobilisierte, sich mirakulös zurück kämpfte und noch das Tiebreak erreichte.
(NZZ Online)

Großartig. (Schade – am Rande gesagt –, daß er letztlich doch nicht gewinnen konnte und den »Roger-Slam« verpaßte. Aber auf Sand läuft's eben noch eine Spur anders.)

Beachten Sie bitte auch diesen Satz:

Allerdings kommt nun eine lange Phase, in der Federer sein Konto kaum mehr äufnen kann.

Äufnen. Toll. Kein Schreibfehler, sondern Schwyzerdütsch für »mehren«. Wir sehen hier die Vorteile eines vifen Wortensembles. Sein Konto »kaum mehr mehren« zu können, klingt selbst dann armselig, wenn der Grund dafür ist, daß das (hier: Punkte-) Konto schon pickepacke voll ist.

Das ist das abgefahrene an den Schweizer Zeitungen. Sie äufnen tierisch den Wortschatz.

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