22.04.2011
In München wird im Sommer mit dem Bau eines NS-Dokumentationszentrums begonnen, das sich – auf dem Grundstück des »Braunen Hauses« – mit dem Nationalsozialismus und insbesondere der Rolle Münchens bei dessen Aufstieg und Glorifizierung auseinandersetzen soll.
Nur: Wie soll es heißen? Es liegt vergleichsweise nahe, ein NS-Dokumentationszentrum »NS-Dokumentationszentrum« zu nennen; genau daran aber entzündete sich heftiger Streit. NS ginge ja nicht, denn das stehe für Nationalsozialismus oder nationalsozialistisch und sei »Tätersprache«. Im übrigen wolle man nicht als »nationalsozialistisches Zentrum« (miß-)verstanden werden.
Auf letzteres braucht man wohl eher nicht ernsthaft einzugehen, zu ersterem möchte man einen langen Text schreiben, einen, in dem Wörter wie »Kontext« und »deskriptiv« sowie die Wendung »Meine Fresse!« vorkommen, es ist aber sehr schwer, weil man sich permanent an den Kopf faßt und mit nur einer freien Hand schlecht vorankommt beim Tippen. Auch sieht man schlecht wegen der Tränen. Daher ist es schön, daß jemand anderes es geschafft hat. Der Schweizer Historiker Raphael Gross schrieb für die gestrige Ausgabe der FAZ einen Artikel namens »Sprache und Nazismus« [leider noch nicht online], in dem es um die Begriffe »Kristallnacht/Pogrom« und »Holocaust« und eben »NS« ging, und der in folgendes Fazit mündet:
Die nationalsozialistischen Verbrechen wurden ebenso begleitet von Meinungen und Einstellungen, die ihren Niederschlag in der Sprache fanden. Insofern ist es berechtigt, genau hinzuhören und mit den Worten nicht leichtsinnig umzugehen. Gleichzeitig ist allerdings offenkundig auch etwas sehr merkwürdig an dieser Form der andauernden Eskalation. Man gewinnt den Eindruck, dass eine kleine Fehlleistung, ein unwissentlich falsch verwendetes Wort schon reicht, um eine Person potentiell als Wiedergänger des Nationalsozialismus erscheinen zu lassen. Nur: Der Nationalsozialismus war gewiss nicht die Wirkung einer kleinen Fehlleistung. Hier verdunkelt die Sensibilität mehr, als sie aufklärt.
Nichts hinzuzufügen.
(Das Zentrum wird übrigens heißen: »NS-Dokumentationszentrum. Lern- und Erinnerungsort zur Geschichte des Nationalsozialismus«.)
stw | 19:27 | wortwahl | kulturalien | gefunden | zwitschern
20.04.2011
Sönke Torpus findet's gut, Gegenwind zu bekommen. (»Ich finds gut, Gegenwind zu bekommen.«) Aber?
Aber vielleicht gibts ja noch was besseres zu bemeckern, als dass einer von uns halt "nur" singt?
Herrlich, wie hier mit unglaublichem musikalischen Wissen und psychologischem Tiefgrund Mr. Jackson analysiert wird. HAHA!
Dem Frontmann der Gruppe »Torpus & The Art Directors« mißfällt offenbar der Eintrag »Wippen und Nippen«, der Anfang April an dieser Stelle stand. Warum, bleibt etwas undeutlich. Was darin festgestellt wurde, war gar nicht, daß jemand »halt ›nur‹ singt«, sondern daß jemand halt größtenteils nicht singt. Sondern halt nur dasteht. Und halt wippt und nippt. (Dagegen ist im übrigen wenig einzuwenden. Die Frage ist doch nur, ob es ausgerechnet die Bühne sein muß, wo man diesem Hobby nachgeht.)
Wir wiederholen das alles noch mal als kleinen Gegenwindservice.
Kleingedrucktes:
Leute! Stellt Euch doch so viele Backing Vocals auf die Bühne, wie Ihr wollt. Und stellt sie genau dahin, wo Ihr wollt. Gegenwind? Das hier? Dann aber viel Vergnügen mit den Leuten, die wirklich was bemeckern möchten. Da weht es ganz anders. Neuer Vorschlag: wieder zurücklehnen. Bißchen entspannen. Oder wippen und nippen.)
stw | 22:38 | mostly harmless | kulturalien | gefunden | alsteralltag | zwitschern
11.04.2011
Wann beherrschst du eine fremde Sprache wirklich? Wenn du in ihr spontan in Blätterteig gebackenen Seehecht mit Porree als Wunschgericht angeben kannst.
stw | 18:15 | wortwahl | kulturalien | zwitschern
03.04.2011
stw | 18:37 | kulturalien | alsteralltag | zwitschern
02.04.2011
Vor längerem waren hier mal befremdliche Bewegungsabläufe von Musizierenden Thema; in diesem Zusammenhang wurde auch von einem Mann berichtet, der diese Spackohaftigkeit recht beeindruckend mit radikaler Nichtplausibilität seiner Anwesenheit verband. Auch das wirft immer wieder Fragen auf.
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Auf der Bühne steht diesmal eine Band namens »Torpus & The Art Directors«, (Sönke) Torpus ist der Frontmann, die anderen sind dann wohl die Art Directors. Einer von ihnen spielt abwechselnd Banjo und Mandoline, der nächste ist Gitarrist, eine Geigerin ist auch dabei – und einer hält ein Bier in der Hand und steht herum. Gelegentlich tritt er an ein Mikrofon und macht Aaaaah. Manchmal macht er Aaaaahaaaaahaaaaa. Dann steht er wieder herum und wippt und nippt, konstruktiv würde man es so formulieren: Er ist nicht im Weg.
Vorschlag: Auch wenn das möglichst vielstimmig vorgetragene Aaaaah offenbar ein Hauptbestandteil Eures »modernen Folk« (Torpus) sein soll – drückt dem Mann doch wenigstens einen Schellenkranz in die Hand, auf daß er ihn rhythmisch schüttle. Schon um ihm andere Umschreibungen seines Kunstschaffens zu ermöglichen als: Danebenstehen, wenn andere Musik machen.
Andererseits ist das natürlich nicht der schlechteste Job der Welt, wenn man sonst gerade nichts vorhat. Muß man auch erstmal hinbekommen. Oder in Abwandlung eines schönes Satzes von Gregory Corso (feat. Heinzer): Ohne ein Instrument zu spielen einer Band anzugehören und nicht der Sänger zu sein – auch schon wieder irgendwie geil.
Nachtrag 20. April: Sönke Torpus bekommt gern »Gegenwind«, aber nicht solchen. – Wir sind natürlich höflich genug, darauf zu antworten.
stw | 11:26 | mostly harmless | kulturalien | alsteralltag | zwitschern
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