16.03.2008

Konträr gesagt. Abgrenzungen für Angeber II

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Nicht sehr viele Menschen fragen sich: Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Oxymoron, Paradoxon und Contradictio in adjecto? Diesen Neugierigen aber sagen wir: Das ist ganz leicht; in gewisser Hinsicht gibt es gar keinen. Da aber unterschiedliche Wörter stets – in welchem Grade auch immer – etwas unterschiedliches bedeuten, schauen wir natürlich genauer hin.

Bei allen dreien haben wir es in irgendeiner Form mit (sprachlich) Widersprüchlichem zu tun und möchten nun sehen, inwiefern eigentlich.

Oxymoron: Ein Oxymoron bezeichnet eine Kombination von gegensätzlichen Begriffen, wie man sie etwa vom Chinesen an der Ecke kennt: Süßsauer. Oder – was nicht mal beim Chinesen vorkommt –: eckiger Kreis. Beides sind Oxymora, woraus wir ersehen, daß es nur auf den Widerspruch ankommt, nicht darauf, wie er grammatikalisch gebildet wird; ob als (begrifflich) widersprechende nähere Beschreibung, ob als Zusammensetzung. Geliebter Feind? Oxymoron. Haßliebe? Oxymoron.

Kenner des hellenischen Zungenschlags werden dabei längst bemerkt haben, daß das Oxymoron selbst genau das ist, was es bezeichnet. Es leitet sich ab von den griechischen Wörtern »oxys« und »moros«, die gegensätzlicher nicht sein könnten: »Oxys« bedeutet scharf(sinnig), »moros« soviel wie dumm.

Diese Wesensgleichheit von Bezeichnung mit Bezeichnetem weist uns darauf hin, daß sich da Methode verbirgt. Eine bewußt gewählte Bezeichnung für ein bewußt eingesetztes Stilmittel. Der Autor oder Redner denkt sich was dabei. Nicht immer mag gleich deutlich werden, was genau; aber was immer es ist: Erst die Intention macht hier das Stilmittel.

Ein Widerspruch, der vom Vortragenden nicht beabsichtigt war, ist kein Oxymoron, sondern einfach ein Widerspruch. Ganz strenggenommen kann man daher als Rezipient immer nur mehr oder weniger begründet vermuten, ein Oxymoron vor sich zu haben.

Contradictio in adjecto: Die Contradictio in adjecto ist genau das, was ihr Name auch dem Lateinlaien bereits verrät: ein beigefügter Widerspruch; einem Hauptwort wird eine gegensätzliche Variante dessen zugesellt, was auch normale Menschen ein Adjektiv nennen. Beim echten Kunstleder zum Beispiel, beim geliebten Feind, beim alten Kind oder beim sympathischen Juristen.

Da der Name des Phänomens die Form beschreibt, kommt es hier sehr wohl auf selbige an, und mit ihr ist die Contradictio in adjecto gewissermaßen das Gegenteil des Pleonasmus, der – sozusagen – Dopplung in adjecto.

Das Beispiel des geliebten Feindes, das auch schon als Oxymoron vorgestellt wurde, zeigt, daß die Contradictio in adjecto sich nicht vom Oxymoron abgrenzt, sondern eine spezielle Form dessen ist. Die mit der Beifügung gebildete nämlich. Mengenmäßig gesprochen: Eine Contradictio in adjecto ist immer ein Oxymoron, ein Oxymoron aber nicht in jedem Fall eine Contradictio in adjecto (siehe oben).

Ein Unterschied zwischen beiden besteht jedoch in der Intention. Während für das Oxymoron der Vorsatz entscheidend ist, ist eine Contradictio in adjecto auch dann eine, wenn der Schöpfer sie gar nicht bemerkt. Hier zählt nur das Ergebnis.

Paradoxon: Auch ein Paradoxon ist ein Widerspruch. Für Weiteres kommt es hier darauf an, in welchem Sinne und vor allem welchem Zusammenhang man davon spricht. Was bedeutet es denn wörtlich? Wir fragen wieder unsere griechischen Freunde und erfahren: »para« = gegen, »doxa« = Meinung oder Sichtweise. Das kann einiges heißen. Zumeist hören und gebrauchen wir das Wort als Bezeichnung eines unauflösbaren (Selbst-)Widerspruchs innerhalb einer Aussage. Klassiker: Ein Kreter behauptet, daß alle Kreter lügen. Wenn er die Wahrheit sagt, lügt er; spricht er eine Lüge, sagt er die Wahrheit. Paradox, das.

In unserem sprachlichen Rahmen hier, abgesteckt von rhetorischen und stilistischen Figuren, bezeichnet ein Paradox jedoch auch und vor allem einen nur scheinbaren Widerspruch, der zum Nachsinnen anregen soll und optimalerweise durch die Auflösung zu einer tieferen Einsicht führt. Oder wie der Duden erklärt: eine »scheinbar falsche Aussage (oft in Form einer Sentenz oder eines Aphorismus), die aber bei genauerer Analyse auf eine höhere Wahrheit hinweist«.

Wir bleiben bei den Klassikern: Weniger ist mehr. Genauere Analyse dieser scheinbaren Widersprüchlichkeit verhilft uns nun zu der Erkenntnis, daß es bisweilen dem Gesamtergebnis dienlich ist, zwischendurch nicht zu überreizen. Gar nicht so doof. Auch gar nicht widersprüchlich, so gesehen; die scheinbare Gegensätzlichkeit liegt in der Verkürzung des Gedankens und dem daraus folgenden Nebeneinander eines Weniger von irgendetwas und einem Mehr von etwas ganz anderem.

Rein sprachlich hingegen ist der Widerspruch tatsächlich einer; weniger ist weniger und nicht mehr. Das hilft uns vielleicht bei der Frage, die uns ursprünglich bewegte: Wo liegt denn der Unterschied zum Oxymoron? Darin, daß es beim Paradoxon nicht um einzelne, in sich widersprüchliche Begriffe, sondern um eine in sich (scheinbar) widersprüchliche Aussage geht. Beiden eigen ist die Intention; das Paradoxon ist gleichsam ein inhaltliches Oxymoron.

Wir fassen zusammen:
Oxymoron = bewußte Kombination widersprüchlicher Begriffe als Stilmittel; Vorsatz und Ergebnis kennzeichnen hier den gelungenen Gegensatz

Contradictio in adjecto = Beigabe eines Wortes, das zu dem Hauptwort im Widerspruch steht; spezielle Variante des Oxymorons, für die Form und Ergebnis entscheidend sind, nicht die Genese

Paradoxon (in rhetorischen Zusammenhängen) = (Schein-)Widerspruch, der in der Auflösung eine bereichernde Erkenntnis bereithält; nicht einen widersprüchlichen Begriff sehen wir hier, sondern eine widersprüchliche Aussage


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von Die Lehrerin | 16.03.2008, 22:35 | [Link]

Ja, ganz hervorragend! Nach dieser Erklärung dürften sogar Mathematiker den winziggroßen Unterschied begriffen haben ...


von stw | 17.03.2008, 14:50 | [Link]

... was ja auch eine passable Zielgruppe wäre. (Wenn es denn eine richtige Zielgruppe gibt – in der falschen. Oder so.)


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