29.02.2008

Lichtbildklassik

»Analog- oder Digitalphotographie?« ist eine jener Fragen, an denen sich in gewissen Kreisen wort- bis blutreicher Streit entzündet; was unterhaltsam sein kann, in jedem Falle aber müßig ist.

Beides hat seine besonderen Eigenarten und Reize. Pragmatisch betrachtet spricht vieles, wenn nicht alles für digitales Vorgehen, die Bildqualität muß sich – abgesehen vielleicht von Großformaten – schon lange nicht mehr vor analogen Ergebnissen verstecken; dafür umgibt letztere und ihre Erschaffung die so zauberhafte Aura der klassischen Photographie(kunst).

Was ist besser? Gar nichts. Statt das eine über das andere zu stellen oder beide gegeneinander auszuspielen, sollte man sich lieber darüber freuen, beide Möglichkeiten mit den ihnen eigenen Charakteristika zur Verfügung zu haben. Der Rest ist Geschmackssache, und über Geschmack kann man zwar entgegen dem Volksmund sehr wohl (und sehr lange) streiten, bringt halt nur nichts. Oder nicht viel.

Freuen ist besser. Wir zum Beispiel freuen uns, unserer kleinen Galerie einige klassisch analog entstandene Bilder hinzugefügt haben zu können*, angefertigt mit einer Exa 1961, einem s/w-Film und reichlich Vergnügen. (Die gescannten Bilder entsprechen farbstichlich trotz Anpassungsversuchen leider nicht ganz exakt den erstaunlich, aber nicht unhübsch sepia geratenenen Vorlagen, doch im Großen kommt es hin. Wir arbeiten weiter daran.) Hamburg analog neben Hamburg digital – vergleichen Sie selbst:

www.photographie.netzwort.de

[exa]


*) Schönen Gruß an Mark Twain.

28.02.2008

SZ

Betrachten wir nur seine unvergleichliche Form, die kühn nach oben schnellende Gerade, an die sich ein sanft herniedergleitender Mäander schmiegt.
(SZ-Magazin)

Gerne.

26.02.2008

Im Westen was Neues

Oder: Kontrolle gibt es nicht


»Bürgermeister Wolfgang Pantförder«

(Gefunden in den unergründlichen Tiefen von SpheX.)

25.02.2008

Luxauge

Die ziemlich unregelmäßige Kolumne

Etepetete

von Christoph Robert Lux


Mit gewissen Ekelgeschichten ist es wie mit Prekariatstelevision: Der stilbewanderte Bildungsbürger findet sie pfuibäh – und kennt sie merklich detailliert. Thematisch einmal angerissen, weiß jeder auf plastischste Art etwas beizusteuern.

Es muß nur einer den Anfang machen. Zum Beispiel Axel Hacke. Der berichtet von seiner Abneigung gegen Frühstücksbuffets, und nun hat er auch noch bei Gorkow gelesen, daß unverbrauchtes Verzehrmaterial keineswegs weg-, sondern stattdessen aufs nächste Buffet geschmissen wird.

Ja!, wird jetzt von den Umsitzenden erklärt; wüßte man ja, wüßte man. Und es beginnen die Geschichten von dubiosen Zutaten hier und von anrüchigen Zweitverwertungen da, etwa von Steaks, die testweise und unauffällig markiert auf dem Teller belassen – und später vom Haus wieder serviert worden seien.

Was ruft das Volk? Igitt! Ich aber rufe: Na und? Besser als fortwerfen. Wurde uns nicht allezeit eingebleut, daß in Afrika die kleinen Kinder verhungern und man sowieso nichts verschwenden solle, aber Essen schon mal gar nicht? Her mit den unberührten Steaks! Hinab in meinen Magen, und fort mit dem gesparten Fleisch nach Afrika!

Unberührt, aber nicht unversehrt, Herr Lux, nicht alles, was man nicht sieht, ist auch abwesend. Womit wir wieder bei Axel Hacke sind, der weiterhin gelernt hat, daß die Frühstücksbuffets nicht nur second hand, sondern auch noch voller Spucke sind. Grund: Dialogbereitschaft. »Gehen mehr als ein Dutzend Menschen redend an einem Buffet vorbei, ist der nicht sichtbare, aber faktisch umhergesprühte Speichelregen von erstaunlicher Dichte.« (Gorkow)

Und dann haben wir den Salat. Genauer gesagt haben wir es dann auf dem Salat. Und schlimmer noch: Nicht nur reden tut der Mensch, sondern er greift auch zu! Berührt kostbare Verzehrmaterie. Und schon wimmelt es von »Lebensmitteln, die von Serviergabeln und Servierlöffeln wieder in die Schüsseln und auf die Teller gleiten, und zwar nachdem sie mit Hilfe von Fingern auf die Gabeln und Löffel gelegt worden sind. Berührt der Mensch Lebensmittel, sieht die Sache gleich mal verheerend aus. Derart Verkeimtes, zurückgefallen auf den Teller der Unschuld, ist unter dem Gesichtspunkt der Hygiene und Gesundheit eine grelle Katastrophe« (Gorkow).

Ja, der Mensch. Kaum ist er da, schon macht er Ärger. Ergo: »Unter hygienischen Gesichtspunkten ist ein Buffet nicht zu empfehlen.« Eine Bahnfahrt allerdings auch nicht. Oder ein Besuch im Supermarkt. Eine überfüllte Party ohnehin nicht. Überhaupt sollte man den Schritt vor die Tür unbedingt vermeiden, wie schnell trifft man Menschen sonst. Und unter hygienischen Gesichtspunkten ist das kaum zu empfehlen. Speichelregen überall, Keime auf Dingen der Unschuld, Krankheit lauert und Tod.

Schluß mit solcher Depression! Wohl will ich nicht verhehlen, daß diese oder jene Überspitzung meine Zeilen durchwirkte, dennoch wage ich die Frage: Denken wir, der Autor eingeschlossen, nicht gelegentlich eine Terz zu nachdrücklich in eine Richtung, die steril zu nennen mir durchaus vertretbar erscheint? Anders: Sind wir nicht viel zu etepetete?

Kein moderner Aufsatz ohne steile These. Hier ist meine: Ja, sind wir. Gründe: zivilisatorische – besonders städtische – Naturentfremdung und medial bombende Hochglanzästhetik. Die eine beschert uns Lebensmittel nur noch als zurechtgemachte Endprodukte hinter idealisierenden Packungsbildern; die andere zeigt uns Menschen und Umwelt nur noch als poren- und keimfreies Reich immer und überall herrschender Glätte und Reinheit.

Als belesener Bildungsbürger werden Sie mich recht verstehen. Keinesfalls möchte ich die Hygienefortschritte der Moderne missen. Kenntnis und Achtung gewisser Zusammenhänge im mikroskopischen Raum haben sich als sehr vorteilhaft fürs Leibeswohl erwiesen. Auch sollte man an gewissen Orten hygienische Aspekte mit aller Strenge priorisieren. Doch zwischen vormoderner Unbekümmertheit und dem Drang, den Halteknopf im Bus nur mit übergestülptem Jackenärmel zu betätigen, ist noch viel Platz; so viel ungefähr wie zwischen Axel Hacke und einem Frühstücksbuffet.

Nieder mit dem falschen Ekel. Gründe für angebrachten gibt's genug.

22.02.2008

Sagen Sie doch mal ...

... welche bekannten Gesichter würden Sie gern einmal photographieren?


Hans Magnus Enzensberger
Julia Jentsch
Mirko Slomka
Madonna

Und – obwohl völlig unbekannt –:
mich selbst

Weil das unmöglich ist.

21.02.2008

Sprachführer

Zum heutigen »Internationalen Tag der Muttersprache« hören wir die schon zum Klassiker avancierte Rede des Weltsprachbeauftragten über Konzept und Intention dieses Gedenktages. Titel:

Klare Ansage
(deutsch)


(Des weiteren begehen wir heute übrigens den »Welttag des Fremdenführers«, der an dieser Stelle jedoch schon gebührend gewürdigt wurde.)

19.02.2008

Die Wortspielkritik

Hamburg wählt am Sonntag. Zu Wahlen gehört Wahlkampf, zum Wahlkampf gehört Wahlwerbung, und Werbung möchte gern kreativ sein. Man spielt mit Sprache – und Aussagen, Behauptungen und Lügen münden in Wortspiele. Zum Beispiel:

»Wir wissen wie man Wissenschaft.«

Na das ist aber hübsch, meint vielleicht mancher, und er hätte komplett unrecht, denn das ist ganz und gar nicht hübsch, sondern häßlich. Der Reihe nach: Wir vermerken positiv, daß der Gleichklang von Wissenschaft und der 3. Person Singular von Wissen schaffen erkannt – und versucht wurde, den in weitem Sinne vorhandenen inhaltlichen Zusammenhang deutlich zu machen. Auch der Versuch, das Gesamtwortspielereignis mit einem weiteren wissen klanglich abzurunden, darf lobend erwähnt werden.

Jedoch können auch diese zwei Pluspunkte den dicken Minuspunkt nicht aufwiegen: Das Ergebnis ist schlecht, schlecht, schlecht. Für ein hochwertiges Wortspiel der Premiumklasse genügt es nicht, nur eine Doppeldeutigkeit aufzuschreiben; elegant formulierten Zweifachsinn im Ganzen erwartet hier der Leser. Und hier scheitert unser Beispiel.

Zunächst noch ist alles geschmeidig. Der gedankliche Klang bildet trotz des anderslautenden Schriftbildes den Satz: Wir wissen wie man Wissen schafft. Prima, könnte man denken, das ist doch gut, und man könnte weitergehen. Aber eben wegen jener leicht abweichenden Schreibung verweilt man kurz und liest*: Wir wissen wie man Wissenschaft.

Den Sinn der klanglichen Variante haben wir verstanden, was aber ist der engere Sinn der geschriebenen? Wir wissen wie man Wissenschaft? Wir wissen wie man Wissenschaft – was? Auch wenn uns klar ist, was man damit meint: Der Satz funktioniert nicht, und damit ist das Wortspiel bei allem guten Willen im Eimer. Stolpersprache. Zweite Liga. Schlecht.

Erste Liga und gut geht anders, schauen wir nur einmal ins Wortspielpanoptikum. Dort finden wir etwa:

»Immer mehr Billiardspieler spielen Schach. Grund: Sie finden den Kö-nich.«

Ein Wort, zwei Bedeutungen, zwei Sinne, das Ganze funktioniert sehr elegant: Wortspielerei von Qualität. Und auch mit dem Sujet unseres Ausgangssatzes kann Akzeptables gelingen, zum Beispiel im Vorharz. Dort heißt es:

»Willkommen in Göttingen. Die Stadt, die Wissen schafft.«

Wissen schafft oder Wissenschaft, Relativsatz oder Aufzählung: beides flutscht, das Ergebnis ist solide und zumindest nicht tadelnswert.

Ende. Die Frage, ob in dem vorgestellten Ausgangswerk nicht überhaupt ein Komma fehlt, klären Sie am besten selbst.


*) Womit eines der wichtigsten Ziele der Plakaterfinder natürlich schon erreicht ist. Aber darum geht es ja nicht. Schließlich sind wir hier bei netzwort.de, nicht bei netzprimaerziel.de.

15.02.2008

Glasgeflüster

Neulich war ich in Buxtehude. Ich war dort, um einem Kleinkunstereignis beizuwohnen. Es war ein langer Abend, und es gab eine Pause; auch gab es eine Toilette und Gründe, sie aufzusuchen. Sie war hell und sauber. Plötzlich kam mir dort im Waschraum die Idee, meine Glasscherben in den grobmaschigen Drahtkorb zu werfen, der für die Papierhandtücher bereitstand. Sofort wollte ich damit beginnen. Sie mußten weg. Und also warf ich sie hinein, satt, mit Schwung. Das heißt, ich wollte es tun; denn als ich just ansetzte, bemerkte ich, daß ich gar keine Glasscherben dabeihatte. Teuer war nun guter Rat! Ich sah mich um. Keine Scherben weit und breit. Nicht einmal Glas. Nur der große Spiegel, und den konnte ich nicht gut zertrümmern; außerdem wollte ich Glasscherben in das weite Drahtgestänge werfen, keine Spiegelscherben. Ich bin sehr genau in solchen Dingen. Eilig verließ ich nun den Raum und ging zum Getränkestand. Eine Flasche stilles Wasser bestellte ich. Vor der Tür zerschlug ich sie. Das Wasser beachtete ich kaum; nur schnell die Scherben einsammeln! Nicht ohne Vorfreude trug ich sie hinein, hinein ins Gebäude, hinein in den Waschraum, um sie endlich in das Drahtgestell einzuwerfen. Da erst sah ich das Schild:


»Hier nur Papier einwerfen. Bitte keine Glasscherben!«


Man darf das gar nicht. Enttäuscht verließ ich den Waschraum und kehrte zurück zum zweiten Teil dieses langen Abends in Buxtehude.

- Ende -

11.02.2008

Individualisierung

Oder: Wem sonst?


»Valentinstag. Da schenk' ich mir was Schönes«

08.02.2008

Wahr oder falsch?

Herr Jochen Hieber kommentiert die jüngsten Wahlvorgänge in den USA wie folgt:

»Amerika ist das einzige Land«, hat Oscar Wilde schon vor mehr als hundert Jahren geschrieben, »das den direkten Weg von der Barbarei zur Dekadenz gegangen ist – und zwar ohne den Umweg über die Zivilisation.« Ohne ganz falsch zu sein, stimmt an diesem Satz nicht einmal die Übertreibung.

Und jetzt kommen Sie. Ohne ganz falsch zu sein, stimmt an diesem Satz nicht einmal die Übertreibung. Was bedeutet das? Der Satz ist nicht ganz, aber doch wieder so falsch, daß nicht einmal die Übertreibung stimmt? Oder bezieht sich die Bemerkung nur auf die Übertreibung, die nicht ganz falsch sei, aber leider doch nicht stimmt? Liegt das Wahre im Falschen? Oder umgekehrt?

Man muß raten. Diese rhetorische Figur kannte man bisher nur von Franz Beckenbauer: Einen Satz mit dem Gegenteil dessen beenden, womit er begonnen hatte. Er hat sie zur Meisterschaft entwickelt. Aber wir sehen: Ohne bedroht zu sein, ist seine Vormachtstellung sehr gefährdet.

07.02.2008

Was denn?

Norddeutsch für Zugereiste


Hören wir einmal folgenden Dialog:


Zugereister: Und? Hast Du's ihr gesagt?
Hamburger: Was denn?
Z: Na was wohl?
H: »Na was wohl«? Wie »Na was wohl«?
Z: Was Du ihr gesagt hast. Wenn Du's ihr gesagt hast.
H: Wem?
Z: Hä? Hast Du was am Ohr, oder was?
H: Was denn?
Z: Was denn, was denn ... irgendwas eben. Willst Du mich verarschen?
H: Wie»irgendwas eben«? Verarschen?
[usw.]


Schlechte Stimmung. Doch nicht Böswilligkeit ist die Ursache oder nachlassende Hörkraft, sondern wir erleben hier ein Mißverständnis. Ursache: Die kurze Rückfrage »Was denn?«. In der Regel ist sie sprachlicher Ausdruck des Wunsches nach konkreter(er) Auskunft: »Ich hab' Dir was mitgebracht.« – »Was denn?«; gelegentlich fordert sie auch eine externe Situationseinschätzung ein: »Was (ist) denn (los)?« Man betont das Fragewort.

Der Norddeutsche – namentlich mancher Hamburger – verwendet unsere Frage nun aber gerne im Sinne von »Wie bitte?« – mit einer Tendenz zum ermunternd auffordernden »Hm?«. Er legt die Betonung dabei leicht aufs zweite Wörtchen; eine Nuance, die in der Praxis oftmals so schnell verweht wie eine Serviette im Hafenwind, und da beginnt der Ärger. Für den Zugereisten jedenfalls.

Ist aus ihm vielleicht ein Zugezogener und irgendwann auch ein Norddeutscher geworden, und es unterhalten sich nun zwei Hamburger, hört sich das nämlich so an:

- Und? Hast Du's Ihr gesagt?
- Was denn?
- Ob Du's ihr gesagt hast.
- Ach so. Ja, hab' ich.
- Na dann.

Na bitte.

05.02.2008

Modern altern

Gute Idee:

Wo jemand alt ist, da sei in Zukunft - Älte.

03.02.2008

Mittelmäßig

Gedichte, das weiß jeder Narr,
sind Zeilen, die sich reimen.
Hinten! Das heißt, nicht irgendwo
Soll's dichten, wie mich dünkt.

Und doch ward spannd'res schon gesehen.*
Lyrik, die sich vorne
Reimt. Könnt's an'dres wohl noch geben?
Und wenn: wo dies? Ich sag's:

Hier, genau in diesen Strophen
Ist's Sitte, daß woanders
Der Reim erschallt. Genießen Sie
Die Mitte! Kraß, nicht wahr?

*) ziemlich weit unten

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